Monday, December 2, 2024
Einige Gedächtnisnotizen, in einer Quasi-Umrissform angeordnet:
I. Wie ich von Hübener erfuhr: Ein Gymnasiast in Hamburg, Ulrich Sander, in Erfüllung einer Schulaufgabe, stößt auf Helmuths Story, interviewt Zeitzeugen, schreibt Schulaufsatz, veröffentlicht ihn später in einer obskuren Gewerkschaftszeitung, auf die der spätere Literaturnobelpreisträger Günter Grass zufällig abonniert war. Nach der Danziger Trilogie (Blechtrommel, Katz und Maus und Hundejahre) schreibt Grass 1969 seinen 4. Roman, örtlich betäubt. Die Hauptfigur ist Philipp Scherbaum, klügster Kopf im seinem Berliner Gymnasium, will gegen den Vietnam-Krieg protestieren, entschließt sich, sich zu verbrennen (nach dem Vorbild anderer zu der Zeit: Thich Quang Duc in Saigon, Alice Herz in Detroit, Norman Morrison vor dem Pentagon in Washington, Roger Allen LaPorte vor den Vereinigten Nationen in New York und gerade während der Entstehung des Romans, Jan Palach in Prag.) Philipp sieht dann ein, sowas würde die kriegsverhärteten Berliner weniger stören und entschließt sich, lieber seinen Langhaardachshund Max zu verbrennen. Sein Lehrer ist entsetzt, teils weil das ihn in ein schlechtes Licht bringt, und will Philipp davon abraten. Philipp erfährt unterdessen selber von Helmuth Hübener und erteilt dem Lehrer eine Lektion, denn dieser war selber im III. Reich als Teenager ein gewalttätiger Vandale, der eine Jugendbande leitete, welche mehrere Menschen verbrennen ließ (wie in der Danziger Trilogie ausführlich beschrieben). Philipp übernimmt die Chefredaktion der Schülerzeitung (die er vorher stets abgelehnt hatte) und bringt seinen ersten Leitartikel heraus: ein Vergleich zwischen den Taten im Jahre 1941 von Helmuth Hübener und dem vorigen NS-Mitglied Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger. Aus dem Buch Streiflichter aus dem Hamburger Widerstand 1933-1945 von Ursel Hochmuth und Gertrud Meyer herausgegeben, (Röderberg-Verlag, Frankfurt am Main, 1969) habe ich den Artikel von Sander gefunden, aus dem ich die Namen von den Freunden von Helmuth, Karl-Heinz Schnibbe und Rudolf Gustav (Rudi) Wobbe, wie auch den von dem Gemeindepräsidenten der St. Georg Gemeinde in Hamburg Arthur Zander, von dem Distriktspräsidenten Otto Berndt, von den Halbbrüdern von Helmuth Hans (Gus) und Gerhard Kunkel wie auch von Marie Sommerfeld, Mutter von Kindern, welche Helmuths Freunde waren (darunter ihr Sohn Werner, der jetzt 95 ist und in Salt Lake City wohnt. Werner ist der letzte lebende Mensch, der Helmuth persönlich kannte). Marie bekam auch einen der drei letzten Briefe von Helmuth, die er kurz vor seinem Tode schreiben durfte. Ihrem Gedächtnis haben wir es zu verdanken, daß der Brief noch existiert. (Die Sommerfelds und Helmuth werden ausführlich in dem dritten Band der Serie Heilige: Unerschrocken, erhaben und unbeirrbar, 1893-1955 behandelt.) Diese Personen waren alle nach dem Krieg nach Salt Lake City ausgewandert. Ende 1971 bzw. Anfang 1972 habe ich meinen ersten Anruf gemacht, und zwar an Karl-Heinz Schnibbe (damals gab es noch Telefonbücher!) Karl sagte mir sofort: “Ich warte schon 25 Jahre auf diesen Anruf!” Da ich kein Historiker war, bat ich meinen Kollegen Dr Douglas Tobler, Professor der BYU für Deutsche Geschichte, mir mit dem Projekt zu helfen. Alle Augenzeugen waren kooperativ außer Zander, der NS Mitglied gewesen war. Seine Frau ließ uns zwar ins Haus, aber er begab sich in den Keller und sagte, er würde einmal selber seine eigene Geschichte erzählen. (Als der Dokumentarfilm “Truth and Conviction” (“Wahrheit und Überzeugung”) 2002 erschien, luden wir seine Kinder zu der Vorstellung ein, und sie druckten ihre Dankbarkeit aus, daß wir ihren inzwischen gestorbenen Vater nicht unfreundlich beurteilt hatten.)
II. Während zahlreiche Interviews mit solchen Zeitzeugen stattfanden, sammelten wir andere Materialien und ich begann, alles in einem folgerichtigen Aufsatz zusammen zu bringen: Doug Tobler fand in dem Berlin Documents Center eine fette Akte zum Fall Hübener. Ich entdeckt etwas später ein paar sehr wichtige Dokumente im Institut für Marxismus-Leninismus in Ost-Berlin. Das ergab zusammen einen Stoß Papier ungefähr 8 cm dick. Darunter waren Abschriften von Gestapo Verhören, 29 Flugblätter von Helmuth, seine Notizen – darunter welche in Kurzschrift – zu weiteren Flugblättern, Anklageschriften, usw. Wir begannen mit einem Artikel, der 1980 in der Zeitschrift Sunstone erscheinen sollte, unter dem Titel: “The Führer’s New Clothes: Helmuth Hübener and the Mormons in the Third Reich” (Des Führers neue Kleider: Helmuth Hübener und die Mormonen im Dritten Reich). Inzwischen hielt ich ca. 1974 an der BYU einen Vortrag über Hübener für die Lehrkräfte in unserem Humanities College. Mittendrin unterbrach ich mich selber und sagte zu meinem Kollegen Thomas Rogers, einem Slawisten, daß das Material an sich sehr dramatisch sei, und er sollte sich vielleicht überlegen, ob er ein Stück darüber schreiben wollte. Sein Schauspiel “Hübener” ging dann 1976 in BYU über die Bühne. Wegen der Nachfrage hatte es eine verlängerte Laufzeit. Ich bekam dann einen Anruf von BYU-Präsidenten Dallin Oaks, der mir mitteilte, Elder Thomas Monson wollte, daß wir den Weiterlauf des Stückes etwas hinauszögern sollten. Elder Monson ließ uns wissen, daß er uns nicht sagen durfte, warum er das wollte, versicherte uns aber, der Aufschub würde nicht lange dauern. Später stellte sich natürlich heraus, er hat gerade zu dem Zeitpunkt mit Spitzenfunktionäre in der DDR, darunter Erich Honecker, verhandelt. Aus Vorsicht, wollte Monson nicht, daß der Eindruck entstehen sollte, die Kirche ermuntere ihre jungen Leute, gegen den jeweiligen Staat zu protestieren. Er wollte auf Nummer sicher gehen. (Er wird wohl nicht wissen können, daß in der DDR Hübener und andere Antifaschisten gut bekannt und als Helden gefeiert wurden. Siehe darüber ein Buch Die erste Reihe von Stephan Hermelin, einem Freund von Honecker, das 1951 erschien,, in dem Hübener eine wichtige Rolle spielt. In der DDR, mit 17 Millionen Einwohnern, wurden fast eine Million Exemplare davon verkauft. Ich empfehle auch als Hintergrund ein Buch von Raymond Kuehne: Henry Burkhardt: Ein Leben für die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage in der DDR, Leipziger Universitätsverlag 2010.) Bis 1980, nachdem Auskunft über Monsons erfolgreiche Verhandlungen mit der DDR bekannt wurden, entschlossen wir uns, weiter zu machen. Nachdem der Artikel Des Führers neue Kleider erschienen war, erschien bei Bookcraft 1984 unser Buch The Price: The True Story of a Mormon Who Defied Hitler (Der Preis: die wahre Geschichte von einem Mormonen, der Hitler trotzte). Beim Korrekturlesen im Konferenzzimmer von Bookcraft, bemerkte ich auf dem großen sonst leeren Tisch noch eine Akte. Ich machte sie in dem Glauben auf, hier ist noch etwas zu korrigieren. Da lag ganz oben ein Brief, worin ich sinngemäß lesen konnte: “Unser Vertrauensmann im Quorum der Zwölf hat uns versichert, unter den Leitern der Kirche besteht keine Beanstandung gegen die Veröffentlichung dieses Buches.” nihil obstat! Ich habe mich seitdem gefragt, ob die Akte absichtlich dort gelassen wurde, damit ich sie sehen sollte. (Ein sehr begabter früherer Student von mir, Cory Maxwell, Sohn von Elder Neal A. Maxwell, war zu dieser Zeit Redakteur bei Bookcraft...)
III. Weitere Veröffentlichungen: Nachdem wir den sehr lieben und furchtlosen Rudi Wobbe ausführlich interviewt hatten, wollten wir allerdings nicht seine sehr guten Memoiren als erste veröffentlichen, sondern die von Karl Schnibbe, aus dem einfachen Grund, daß Karl 1945 Soldat werden mußte und weitere vier Jahre in sowjetischer Kriegsgefangenschaft leiden mußte, wogegen Rudi auf freien Fuß gesetzt wurde. Als Rudi mich immer wieder fragte, wann er an die Reihe käme, habe ich ihm einmal vorgeschlagen, sich vielleicht einen anderen Koautoren zu suchen. Einen sehr begabten, Jerry Borrowman, hat Rudi dann sogar gerade in seiner Nachbarschaft gefunden. Eine Woche, nachdem er einen Vertrag mit Covenant Communications unterschrieb, starb Rudi an Krebs, höchstwahrscheinlich das Resultat von seinem unbeschützten Umgang mit gefährlichen Chemikalien während seiner Haftzeit. Das wird er ganz gewiß vorausgeahnt haben und deshalb nicht überlang auf mich hat warten wollen.1992 erschien sein Buch, das nach einem Fehlstart mit dem Titel, eventuell endgültig heißt: Three Against Hitler (Drei gegen Hitler). Das Buch gewann eine Auszeichnung von der Freiheitsstiftung in Valley Forge und erhielt die Georg Washington Ehrenmedaille. (Erster Empfänger von dieser Medaille war US-Präsident Dwight D. Eisenhower.) Das Buch gewann auch die Auszeichnung der Gesellschaft für Mormonenliteratur als beste Biographie im Jahre 1992.
IV. Noch eine Veröffentlichung: Jetzt kam Karl wieder an die Reihe, ein Buch vorzuschlagen und zwar diesmal in deutscher Sprache. Die Copyright-Fragen schienen sehr kompliziert zu sein, aber wir durften eventuell Karl ganz von Anfang an wieder interviewen, und zwar diesmal auf deutsch, was die Basis ergab für ein neues Buch, Jugendliche gegen Hitler: Die Helmuth Hübener Gruppe in Hamburg 1941/42. In den Tagen vor dem Internet schrieb ich wahllos an ca. 75 Verlage in Deutschland, natürlich an viele auch, die ich gar nicht kannte. Ich bekam ein paar halbherzige Rückäußerungen, aber ein Verleger hat mich angerufen und mir gesagt, er wollte das Buch unbedingt, und seine Redakteurin, Elfi Hartenstein, sitze schon in der Maschine nach Salt Lake City, um den Deal fix zu machen. Es stellte sich heraus, Elfi war sehr charmant und kompetent. Als Karl und ich dann 1991 nach Frankfurt flogen, um auf der Buchmesse dabei zu sein, als das Buch präsentiert werden sollte, fanden wir zu unserem Schrecken heraus, daß der Verleger drei sehr braune Verlage von seinem Stiefvater geerbt hatte, der ein hoher Nazi war. Der Verleger wollte – weil er ein Damaskuserlebnis gehabt haben wollte – an Hand unseres Buches nunmehr einen antifaschistischen Verlag gründen. Alles sehr lobenswert. Gerade zu dieser Zeit aber wurde ihm ein Prozeß gemacht, weil er früher Herausgeber einer Zeitschrift war, in der ein Artikel erschien, der den Holocaust leugnete, und er mußte ins Gefängnis, ironischerweise nach Landsberg am Lech, wo Hitler 1924 seine Haftzeit absitzen mußte und seinem zukünftigen Stellvertreter Rudolf Hess seinen Kampf diktierte. Zum Glück hatte ich einen Druckkostenzuschuß aus meinen Forschungsfonds gegeben, darum gehörten die Bücher mir. Ohne Widerspruch von dem armen Verleger ließ ich die Bücher an August Schubert nach Bad Reichenhall schicken, er sollte sie seinen Kunden der LDS BOOKS damals einfach als Extrawurst schenken. Die Schnapsidee hatte er aber nicht ausführen wollen, weil er ganz zurecht meinte, diejenigen, die das Buch nicht einfach beiseite legen, sind gerade die, die es kaufen. Also förderten wir den Mormonenbuchhandel und freuten uns, daß die Bücher alle an den Mann und die Frau kamen. (Fußnote: Ein Exemplar von dem Buch wurde antiquarisch von der Haushalterin bei der Schule der Jugendstrafanstalt Plötzensee in Berlin erworben. Die Schule liegt – Luftlinie – nur ca. 100 Meter von Helmuths Hinrichtungskammer entfernt. Frau Gesine Kölbel wurde dann eine Art Expertin über Hübener und schlug ihrem Team vor, die Schule nach ihm zu benennen. Die jungen Männer sollten ihr Leben nunmehr auch nach Helmuths Vorbild gestalten. Als ich 2022 zuerst dort hinkam, hat es mir einen großen Spaß gemacht, als Frau Annett Krause mir das Buch hinhielt und sagte: das hier ist unser Handbuch, wobei ich auf meinen Namen deutete und sagte: “Ja! Das bin ich!” Jetzt bin ich eine Art Ehrengroßvater und historischer Berater bei der Schule.) Übrigens, der Verleger hatte den Teil der Geschichte ausgelassen, wo Karl in der UdSSR gefangen war, weil es so viele Spätheimkehrer in Deutschland gebe, und so viele Bücher über ihre Erlebnisse dort. Erwin Roth, Partner von dem inzwischen gestorbenen August Schubert bei LATTER-DAY SAINT BOOKS AND NEWS, wie die Firma jetzt heißt, will demnächst eine volle Ausgabe des deutschen Buches herausbringen.
V. Noch mehr Veröffentlichungen: Das Team bei Bookcraft war sehr kompetent und nett, besonders der Chefredakteur, der Brite Georg Bickerstaff, doch wir waren in einer Sache nicht ganz einig: Wir hatten viel Material und Georg wollte ein relativ kurzes Buch. “Unsere Leser wollen kürzere Bücher” hat er immer wieder behauptet. Man hat die Vermarktung auch sehr gut gemacht, in kurzer Zeit gingen über 15 000 Exemplare weg, doch wir hatten ungefähr genauso viele Klagen, das Buch sei zu kurz gewesen. Also machten wir uns daran, einmal endlich ein komplettes Buch herauszubringen. Bis dahin hat sich Doug Tobler von dem Projekt zurückgezogen, aber sein sehr kompetenter Kollege Blair Holmes von der Fakultät für Geschichte hatte ihn ersetzt. Der anspruchsvolle Dr Holmes hat dann den Löwenanteil von diesem neuen sehr detaillierten und inklusiven Buch bis auf die umfangreichen Fußnoten gemacht. Auch waren wir froh, nach dem Fiasko in Deutschland, daß diesmal der Premier-Verlag für Mormonengeschichte das Buch herausbringen wollte, nämlich The University of Illinois Press. Noch besser, Klaus J. Hansen, Professor an der Queen’s University in Toronto, ein Riese in der Welt der Mormonengeschichte (siehe auch sein Buch: Mormonism and the American Experience, Chicago, 1981, zu deutsch: Der Mormonismus und die amerikanische Erfahrung) schrieb das Vorwort. (Wenn Sie nur eines über Hübener lesen können, sollte es dieses Vorwort sein.) Das Buch erschien 1995 unter dem Titel: When Truth Was Treason (als die Wahrheit Landesverrat war).
VI. Weitere Kreise von Publikationen: Susan Campbell Bartoletti wollte von mir die Erlaubnis haben, ein Jugendbuch für den Schulmarkt zu machen. Sie hatte schon Helmuth ein Kapitel gewidmet in ihrem Newbery-Preisgekrönten Buch Hitler Youth: Growing Up In Hitler’s Shadow von 2006 (Hitlerjugend: Aufgewachsen im Schatten Hitlers). Ich habe gerne alles mit ihr geteilt, und ihr neues Buch, The Boy Who Dared (Scholastic) (Der Junge, der es wagte) erschien 2008 (Dieses wurde auch oft Preisgekrönt, wie z.B. 2008 Booklist Editors’ Choice: Books for Youth, Top 10 Historical Fiction for Youth, 2009 American Library Association Best Book for Young Adults, National Council for the Social Studies: Notable Social Studies Trade Books for Young People 2009, World History and Culture.) Susan machte mich aufmerksam auf ein ähnliches Jugendbuch von 2001, Brothers in Valor (Brüder in Heldenmut) von BYU Professor Michael Tunnel, einst Abteilungschef von Kinderliteratur, von dem ich vorher leider gar nichts wußte. Richard Lloyd Dewey kaufte das Copyright und die Restbestände von der University of Illinois Press und brachte neulich eine Neuauflage des Buches als Paperback heraus (allerdings ohne das Vorwort von Klaus Hansen). Richard schrieb auch einen Roman über Hübener, Hübener vs. Hitler, 2004 (Hübener kontra Hitler).
VII. Stücke und Filme: Tom Rogers’ Drama “Hübener” wurde sehr oft gespielt, auch in Finnland und Rußland, während Tom in der Gegend Missionspräsident war. 1984 spielte David Anderson sein Stück “Hübener Against the Reich” (Hübener gegen das Reich) im Shire West Theater in Salt Lake City. Während der Spielzeit fragten Journalisten Elder Monson, was er dazu denkt, worauf er antwortete, “Wer weiß, wer Recht oder Unrecht hatte ... ich weiß nicht, was wir erreichen, indem wir diese Sachen aufbaggern und sie auszusortieren suchen.” Dies führte dazu, daß bedeutende jüdische Organisationen Elder Monson besuchten um ihm auf den Zahn zu fühlen. Rudi sagte seinem Pfahlpräsidenten, einem Freund von Elder Monson, er wolle auch mit Elder Monson darüber sprechen, was dann arrangiert werden konnte. In dieser Sitzung sagte ihm Elder Monson er habe absolut nichts gegen die Helmuth Hübener Gruppe und ihre Tätigkeiten. 2002 erschien ein Dokumentarfilm von Matt Whitaker, “Truth and Conviction” (Wahrheit und Überzeugung), wobei ich dem Team helfen konnte. Wir konnten trotz des Angriffes am 9. September 2001, nachher nach Deutschland fliegen und Günter Grass interviewen, sowie Ulrich Sander. Wegen einer schweren Krankheit meiner Tochter, mußte mein Kollege Hans-Wilhelm Kelling an meiner Stelle dankenswerterweise dahin fliegen und die beiden Interviews machen. Im Frühjahr 2024 drehte Matt Whitaker mit seinem Team einen lang ersehnten Spielfilm über Helmuth, der im Sommer 2025 herauskommen sollte. (Ich durfte zwei Wochen lang in Litauen dabei sein und bin überzeugt, der Film wird fantastisch ausfallen. Toitoitoi! Noch ein Film heißt “Resistance Movement” (2012 bzw. 2013) (Wiederstandsbewegung) und wurde von Regisseurin Kathryn Lee Moss gedreht.
VIII. Die eigentliche Hübener-Story: Helmuth wurde am 8. Januar 1925 in Hamburg geboren. Seine Mutter Anna Emma Guddat Kunkel war von ihrem Mann geschieden, mit dem sie zwei Jungen hatte, Hans und Gerhard Kunkel. Sie wurde mit Helmuth dann schwanger, als sie bei der Münze gearbeitet haben soll. Der Vater ist so weit ich weiß unbekannt. Helmuth ist unter dem Namen Kunkel aufgewachsen, obwohl einige ihn Guddat nannten, nach dem Mädchennamen seiner Mutter. 1940 heiratete Emma ein zweites Mal. Ihr neuer Mann hieß Hugo Hübener. Der adoptierte Helmuth und übertrug auf ihn seinen Namen. SA-Mann Hugo kam mit den Jungen allerdings nicht gut aus, und sie zogen einer nach dem Anderen um die Ecke zu den mütterlichen Großeltern, den Sudrows (die Mutter von Emma hatte inzwischen auch wiederverheiratet). Als Gerhard dort auszog, vermutlich um 1941 herum, zog Helmuth ein, wo er in einem Schrank einen illegalen Radioempfänger, Marke ROLA, vorfand, der vermutlich von Gerhard stammte, der früher bei dem Reichsarbeitsdienst in Frankreich war. Das ROLA hatte auch Kurzwelle, im Gegensatz zu dem Volksempfänger, der absichtlich keine Auslandssender empfangen konnte. Helmuth war am Anfang begeistert von den Nazis: er schrieb einen enthusiastischen Schulaufsatz “Der Krieg der Plutokraten.” Er hatte aber auch Rassismus und Brutalität erlebt und begann, die Meinung zu ändern. Er steckte das Radio ein und hörte aus London in deutscher Sprache eine Sendung der BBC, British Broadcasting Company. Bald war er überzeugt, daß das Propagandaministerium “fake news” hin ausstrahlte. Als Lehrling bei der Stadtadministration im Bieberhaus konnte er tippen, Kurzschrift schreiben und sogar morsen. Er fing an, in Kurzschrift Notizen zu machen, die er dann auf einer Schreibmaschine, Marke Remington, mit Durchschlagpapier produzierte. Anfangs waren diese Flugblätter postkartengroß, später in Format DIN-A4. Die Schreibmaschine hatte ihm Gemeindepräsident Zander zugestellt, damit er Feldpostbriefe an die Frontsoldaten schreiben konnte. Kann sein, er hatte einmal erfolglos versucht, in der Gemeinde eine Vervielfältigungsmaschine zu benutzen. (Die Behauptung, er habe massenweise in Kiel bei einer Druckerei Flugblätter herstellen lassen, überzeugt nicht, denn auch die Gestapo erwähnt nichts davon, und kein solches Flugblatt wurde je gefunden.) Helmuth lud erst Rudi Wobbe ein, mit ihm abends schwarz zu hören, nachdem die Großeltern schon schliefen, dann auch Karl-Heinz Schnibbe, je getrennt. Dann kamen die beiden einmal am selben Abend zusammen und Helmuth schlug ihnen seinen Plan vor: er würde weiterhin Flugblätter produzieren, und sie würden beim Austeilen aushelfen. Die Jungs schworen eine Art Eid, wer gefangen werden sollte, nimmt die ganze Schuld auf sich. Anscheinend kann Helmuth auch ein paar andere Jungs aus der Gemeinde (darunter Arthur Sommerfeld) eingeladen haben, aber sie kamen nicht regelmäßig und wurden nicht verhaftet. Schließlich, nach fast einem Jahr, beging Helmuth einen fatalen Fehler. Bei der Arbeit bot er einem anderen Lehrling namens Gerhard Düwer ein Flugblatt an. Düwer hat es auch gelesen. Dann bot er noch einem Lehrling, Werner Kranz, eins an (Helmuth behauptete, er wollte von Kranz das Blatt ins Französische übersetzen lassen, denn es gab in Hamburg französische Kriegsgefangene, denen er Flugblätter geben wollte) und diesmal ging es nicht gut. Der Betriebsobmann Heinrich Mohns beobachtete den Handel und befahl Kranz, ihm ein Flugblatt zu verschaffen, was eventuell auch geschah. Mohns rief die Gestapo an, Beamte kamen und verhafteten Hübener und Düwer. Bei Helmuth fand man das Radio, die Schreibmaschine und Flugblätter, einige (Wer hetzt wen!) noch halbfertig in der Maschine. Helmuth kam ins Untersuchungsgefängnis (UG) und wurde furchtbar geschlagen und sonst schlecht behandelt. Irgendwann hat er von Rudi und Karl etwas gesagt, aber die Abschriften der Verhöre machen klar, daß er sie beschützen wollte. Etwas später wurden Rudi und Karl auch verhaftet und verhört. Schon von Anfang Januar 1942 saßen sie in Haft, bis am 11. August in Berlin beim Volksgerichtshof, im 2. Senat, der Prozeß stattfand. Helmuth wurde zu Tode verurteilt. Rudi bekam 10 Jahre Haft, weil er mit anderen Häftlingen zu offen gesprochen hatte. Karl, dagegen, der vorsichtiger war, bekam nur 5 Jahre aufgebrummt. Gerhard, der kaum was gemacht hatte, bekam 4 Jahre Haft. Mitgefangen mit gehangen. Karl, Rudi und Gerhard kamen wieder nach Hamburg, wo sie in einem Arbeitslager namens Glasmoor Torf stechen mußten. Dort erlebten sie aus der Ferne den Feuersturm in Hamburg in der letzten Juliwoche 1943, Operation Gomorra genannt, wobei 37 000 Menschen starben und weitere 180 000 verletzt wurden. (Darin starben auch Helmuths Mutter und Großeltern.) Helmuth blieb in Berlin und kam ins Gefängnis nach Plötzensee. Am 27. Oktober kurz nach Mittag, wurde ihm gesagt, er werde am selben Abend nach 20h hingerichtet. In der Zwischenzeit durfte er drei Briefe an die Angehörigen schreiben, einen an die Mutter, einen an die Großeltern und einen dritten an Marie Sommerfeld. Nur der letzte überlebte den Krieg. Allerdings hatte Marie den eigentlichen Brief auf dem Umzug in die USA verloren, doch sie schrieb aus dem Gedächtnis für mich eine Kopie des Briefes nieder, und sie behauptete, den Brief so oft gelesen zu haben, daß sie ihn auswendig kenne. Große rote Plakate wurden in Hamburg aufgeschlagen, den Tod von Hübener zu verkünden. Seine Mutter lernte durch diese von seinem Tod. (Das Filmteam von Matt Whitaker bemerkte auch, das ihr Sohn ausgerechnet an ihrem Geburtstag hingerichtet wurde.) Später kamen Karl, Rudi und Gerhard nach Graudenz in Polen, wo abgestürzte Jagdflieger abgewrackt wurden und aus den Teilen neue Maschinen zusammen gebaut. Im Januar 1945 kamen die Sowjetarmeen näher und sie mußten im tiefen Schnee zu Fuß nach Westen marschieren. Düwer hatte emsig ein Tagebuch von dem furchtbaren Treck geführt (in When Truth Was Treason zu lesen.) Endlich kamen sie nach Hamburg zurück und wurden in einen Lager auf Hannöversand, einer Insel in der Elbe gesteckt. Karl mußte, weil er nur 5 Jahre gekriegt hatte, als Soldat dienen. Rudi durfte noch sitzen, da er noch weniger als die Hälfte seiner Strafzeit abgebüßt hatte. Wieso Gerhard nicht eingezogen wurde, bleibt rätzelhaft. Karls Zeit in Rußland, der Wolga entlang, ist furchtbar gewesen. Sein Überleben ist nichts weniger als ein Wunder. Er kam erst 1949 aus Rußland zurück. Inzwischen wurde Rudi durch englische Truppen befreit, und er ging ziemlich bald danach auf Mission. Beide wanderten dann nach Salt Lake City aus. Rudi war Maschinist und Karl Feinmaler, der auch unter anderem Goldblatt auf Engel Moroni Statuen machte.
IX. Nachwirkungen: Helmuth wurde von Arthur Zander “exkommuniziert,” womöglich mindestens teilweise als Versuch, seine Schafe zu beschützen. Nach dem Krieg wurde das durch Otto Berndt und Max Zimmer der Ersten Präsidentschaft übermittelt. Auf seiner Mitgliedsurkunde in Salt Lake City steht seitdem die Notiz: Exkommunizierung irrtümlich vorgenommen. Anti-Mormonen sagen oft, “die Kirche” habe Helmuth exkommuniziert, weil sie gerne die Kirche in Verbindung zu den Nazis bringen wollen. Klaus Hansen schreibt sehr intelligent darüber in unserem Vorwort. Einer, der dies systematisch betreiben wollte, heißt David Conley Nelson in seinem Buch von 2015 Moroni and the Swastika (Moroni und das Hakenkreuz) University of Oklahoma Press. Er behauptet, die Mormonenkirche sei von unten bis oben vollständig in Harmonie mit dem Nationalsozialismus gewesen. Im November 2024 wurde allerdings eine Gestapo Akte von mehr als 500 Seiten zum ersten Mal bekannt, welche zeigt, daß die Gestapo die Kirche damals eifrig und sehr unfreundlich beschattet hatte und zu dem negativen Schluß kam, nur 5% der Mormonen Parteimitglieder gewesen seien, was nur die Hälfte des Durchschnitts in Deutschland gewesen sei. Nelson behauptet, der Fall Hübener diente der Kirche als künstlicher Nebelschleier, um von der Tatsache abzulenken, daß die Mormonen und die Nazis unter einem Leder steckten. Er behauptet, Doug Tobler, Alan Keele und Tom Rogers wurden von Oaks und Monson zum Schweigen gezwungen, unter Drohungen von Entlassungen. Er wirft Helmuth vor, keine Juden gerettet zu haben, im Gegensatz zu einem Gemeindevorsteher in Hannover, Max Reschke, der ein jüdisches Ehepaar während der Reichskristallnacht einem Pöbel entwendete und übernacht in die Schweiz transportierte. Nelson behauptet, Mormonen-Historiker hätten die Story von Reschke niedergehalten. (Wenn ich von Reschke gewußt hätte, hätte ich sofort davon berichtet.) David erwähnt auch (zweimal sogar), daß es ein Foto davon gibt, wie Kirchenpräsident Heber J. Grant in Deutschland in einem gemieteten Saal vor einer Hakenkreuzflagge eine Rede hält. Das soll ein hieb-und-stichfester Beweis sein, daß die Kirche völlig durchtränkt gewesen war von NS-Doktrin. Eine Schlußbemerkung: Das Motto der HelMUTh HÜBENer Schule in Hamburg lautet. MUT ÜBEN! Alan Keele, Professor Emeritus der Germanistik an der BYU. Email: akeele@gmail.com.