Monday, December 2, 2024
Moroni und das Hakenkreuz bzw. Moroni und die MAGAkappe: Mormonen begegnen erst Hitler dann Trump. Eine Buchbesprechung als Lehrstueck
Moroni und das Hakenkreuz bzw. Moroni und die MAGA-Kappe:
Mormonen begegnen erst Hitler dann Trump.
Eine Buchbesprechung als Lehrstück
Buchbesprechung von:
Moroni and the Swastika: Mormons in Nazi Germany
[zu Deutsch: Moroni und das Hakenkreuz: Mormonen in Nazi Deutschland], erschienen 2015 in der University of Oklahoma Press, USA.
Besprechung von Dr. Alan Keele, emeritierter Professor der Germanistik an der Brigham-Young-Universität, Januar 2016 [mit darauf folgenden Beiträgen über mehrere Jahre…]
Der Philosoph George Santyana soll bekanntlich behauptet haben: “Diejenigen, welche sich an die Vergangenheit nicht erinnern können, sind verurteilt, sie zu wiederholen.” Der ganze Sinn der Historiographie, der Geschichtsschreibung, ist der, aus der Vergangenheit Schlüsse zu ziehen, von ihr Lektionen zu holen, daraus zu lernen. Und wenn wir tatsächlich etwas Wichtiges aus der Vergangenheit lernen wollen, gibt es sehr wenige Epochen und Schauplätze in der ganzen Geschichte, welche uns mehr zu bieten haben als der Fall der Mormonen im Dritten Reich. Einige der Lektionen sind absolut qualvoll peinlich, andere sind absolut erbaulich inspirierend. Alle sind für uns heute relevant.
Ein Buch von David Conley Nelson mit dem Titel Moroni and the Swastika: Mormons in Nazi Germany, zeigt an und dokumentiert ein sehr breites Spektrum der Reaktionen der Mormonen auf das Phänomen National-Sozialismus, eine Bewegung, die man weltweit und mit Recht für das schlimmste historische Übel an sich hält.
An dem einen Ende des Spektrums begegnen wir heldenhaften Menschen wie ein Gemeindevorsteher in Hannover, Max Reschke, der in der Reichskristallnacht November 8-9, 1938, als Synagogen brannten und jüdische Geschäfte in ganz Deutschland zerstört wurden, mit großer Kühnheit zwei jüdische Nachbarn einem Pöbel Nazi Peiniger wegschnappte, indem er den Revers seines Wintermantels schnell nach vorne knickte, als zeige er eine GESTAPO-Marke. Dann hat er das geängstigte junge Paar in sein Auto gesteckt und brachte sie über Nacht in Sicherheit in die Schweiz.
David Nelson erzählt uns auch, wie Max Reschke einen prominenten jüdischen Bankier beschützte, und er schickte seine eigenen Kinder mit Lebensmitteln zu der Frau von dem Bankier, die in das Ghetto in Hannover geschleppt worden war. Später “…beschützte Reschke einen russischen Kriegsgefangenen wie auch einen polnischen Sklavenarbeiter, die in seiner industriellen Fabrik arbeiten mußten.” [Seite 3]
Die Beschützung des jüdischen Bankiers brachte Reschke eine Verhaftung und eine vorübergehende Haft in einem Konzentrationslager ein. Aber als Werksmeister leistete er Widerstand gegen den Versuch, seine Arbeiter in die Arbeitsfront einzugliedern, und als Pfadfinder-Leiter setzte er sich gegen den Versuch, seine Gruppe der Hitlerjugend einzuverleiben.
Am anderen, extremen Ende des Spektrums erzählt David Nelson die erschreckende Geschichte von einem Mormonen namens Erich Krause aus Berlin, der “…ein besonders grausamer und sadistischer Nazi-Folterer und -Mörder gewesen…” ist. [Seite 265]
Nelson hatte über Krause von einem Reporter von der Zeitung Wall Street Journal namens Frederick Kempe erfahren, welcher in einer alten Truhe voller Familientagebüchern entdeckt hatte, daß Krause, ein Verwandter, den er nie kennengelernt hatte — ein Mann, der die Tante von Kempe geheiratet hatte — als Kommandant eines sogenannten wilden Konzentrationslagers im Keller eines Hauses in Berlin vielleicht Dutzende Menschen ermordet und vielleicht Hunderte gefoltert hatte.
In seinem Buch wendet Kempe ein Pseudonym für Krause an, nämlich Erich Kramer, um die Kinder von Krause vor dem Schock zu bewahren, zu erfahren, was ihr Vater alles gemacht hatte.
Nelson berichtet, daß Krause sich im Jahre 1923 der Mormonenkirche angeschlossen hatte, und fünf Jahre später der SA, also im Jahre 1928, wo er schlußendlich zum Rang eines Obertruppenführers emporstieg.
In Frederick Kempes Buch über seine Forschungsarbeit — Father/Land: A Personal Search for the New Germany [zu Deutsch: Vater/Land: eine persönliche Suche nach dem neuen Deutschland] —, gab er in etwa wieder, was einer der Söhne von Krause gesagt hatte, als er davon erfuhr: “[Krause] hatte starke Gefühle gegenüber der Kirche. Der Mormonismus und der Nationalsozialismus waren seine beiden großen Leidenschaften … der eine verlangte einen absoluten Glauben an ein überlegenes Wesen, der andere verlangte die absolute Loyalität zum Führer.” [Seite 269]
Als Kempes Buch erschien, war — laut Nelson — Krauses jüngere Tochter besonders schockiert und entsetzt. (Aus Rücksicht auf sie nennt Nelson sie “Inge.”) “Ihr liebender Vater … ist plötzlich ein Scheusal, ein Monster, geworden.” [Seite 267]
Später machte sie eine Art Pilgerschaft zu einem roten Backsteinbau in der General-Pape-Straße in Berlin-Tempelhof, in dessen Keller ihr Vater zwischen März und Dezember 1933 über zweitausend Menschen terrorisiert hatte, die meisten von Ihnen Kommunisten und Sozialdemokraten.
Sich auf Kempes Buch verlassend bietet Nelson grausame Details: “[Erich Krause] schlug Gefangene mit einem Gummiknüppel und einer eisernen Stange. Er schlitze ihnen die Fußsohlen auf und rieb Pfeffer in die Wunden … er gab einem Mann einen Strich und sagte ihm, er sollte sich erhängen; der vermutlich gefolterte, emotional ausgelaugte Mann ging auf das Klo und erfüllte seinem Peiniger seinen Wunsch.
Krause exerzierte die Gefangenen bis zur Erschöpfung und extremem Durst, dann zwang er sie, eine Mischung von Abwasser und Fäkalien zu trinken. Einem Gefangenen sagte er, daß er jetzt gehen konnte, dann hat er ihn “auf der Flucht erschossen.” Ziemlich viele wurden erschossen, was aber nie vor Augen der Anderen geschah, wobei er die Anderen nachher erzwang, auf den Knien zu gehen und die Blutlachen mit der Zunge aufzulecken. [Seite 267]
Nach dem Kriegsbeginn im September 1939 wurde Krause Oberfeldwebel bei der Feldpolizei und folgte den Truppen nach Polen. Er schickte Postkarten nach Hause von Łódź unter anderem, von wo aus Juden nach Auschwitz und Theresienstadt transportiert wurden. Das veranlasste seinen Sohn Fridtjof (der Halbbruder von “Inge”, der hier “Franz” genannt wird) zu der Aussage, daß sein Vater involviert gewesen sei, die Ghettos aufzuräumen [Seite 268], vermutlich ein Euphemismus dafür, Juden in die Vernichtungslager zu schicken.
Nach dem Krieg fing Krause an, “gewalttätige Familienstreitigkeiten vom Zaun zu brechen, welche in frequenten Schlägen auf seine zweite Frau und die Kinder ausarteten” [Seite 268] “Inge”, ein viel jüngeres Kind aus dritter Ehe, hatte anscheinend solche Szenen nicht miterlebt. Sie hatte nur einen liebenden und frommen Vater in Erinnerung.
Mehr als fünf Jahre nach dem Kriegsende und 17 Jahre nach dem Begehen seiner Verbrechen, im Oktober des Jahres 1950 wurde Krause von einem seiner Opfer auf der Straße erkannt und angezeigt. Mehr als ein Jahr saß er in Untersuchungshaft. Dann wurde er vor Gericht des Mordes, der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wie auch der Anwendung von Folter und Gewalt, um Geständnisse zu erzwingen, angeklagt. [Seite 268]
Die Sache hatte auch für Mormonen noch eine andere ärgerliche Wendung: Während Krause im Knast saß, schrieb Walter Stover, der Präsident der Ostdeutschen Mission, an die Behörden und bürgte für Krause. Er erklärte sich auch bereit, für ihn eine Kaution zu stellen. Stover war ein gut angesehener deutscher Emigrant in die USA, der legendär großzügig war (er hatte aus seinen eigenen Fonds damals für sechs Gemeindehäuser bezahlt, darunter das Haus in Berlin-Dahlem, das immer noch als Kirchenraum benutzt wird.) In seinem Brief hieß es unter anderem: “Herr Krause ist als Mitglied unserer Gemeinde mir persönlich bekannt. Ich bin überzeugt, daß er sich dem Gericht jederzeit verfügbar stellt und hat keine Absicht etwa zu fliehen oder Beweise zu unterdrücken.” [Seite 269]
(Wichtig ist zu bemerken, daß Stover hier nicht von Schuld oder Unschuld Krauses schrieb, nur, daß er nicht fliehen würde. Sein wohlverdienter Ruf der Großzügigkeit und seine aus Amerika mitgebrachte Überzeugung, daß alle als unschuldig anzusehen sind, wenn sie nicht als schuldig bewiesen wurden, machen es unwahrscheinlich, daß dieser seelsorgerische Amerikaner, der nie NS Sympathien an den Tag legte, etwa Krauses Kriegsverbrechen für gut gehalten hätte, auch wenn er überhaupt detailliert etwas darüber gewußt hätte, was auch unwahrscheinlich ist.)
(Auch kann man nicht zu dem Schluß kommen, weil die Mitglieder seiner Mormonengemeinde Krause regelmäßig im Knast besucht haben sollen, daß sie mit seinen politischen Ansichten sympathisch gewesen seien. Es fehlen überhaupt Indizien, was sie von den Vorwürfen gegen ihn wußten und wie sie sich dazu verhalten hätten. Also bleibt die Sache unkennbar.)
Jedenfalls wurde Erich Krause am Ende auf freien Fuß gesetzt, weil es keine Zeugen seiner Morde gegeben hatte und weil die anderen Delikte verjährt waren.
Nach seinem Tode und nach der Veröffentlichung des Kempe-Buches lernte Krauses Tochter “Inge” in einer zufälligen Begegnung mit einem alten Freund ihres Vaters, daß dieser Freund, zusammen mit anderen Bekannten von ihrem Vater, ihn einmal kurz nach dem Krieg in einer Berliner Straßenbahn gesehen hatte. Krause war ganz zerzaust, unrasiert, in einem schmutzigen Wintermantel. Er stellte sich an, als hätte er sie nicht gesehen. Als sie darauf bestanden haben, hatte er endlich seinen alten Freunden gesagt: “Ich habe dem falschen Meister gedient.”
Die Antwort auf die Frage: Wie können religiöse Menschen zu Monstren wie Erich Krause werden? kann gesucht und gefunden werden in der einfachen Tatsache, daß extrem rechtsradikale politische Bewegungen wie der Nationalsozialismus eine Falle stellen für Gläubige, indem sie heuchelnd die Fahne der Moral hochhalten. Sie sind Scheingegner aller Unmoral, welche Gläubige Menschen aus Instinkt scheuen. So locken sie die Guten in ihre Falle. (In der Tat war der Nationalsozialismus die schlimmste Bewegung der Weltgeschichte, was die Moral anging!)
Nationalsozialisten haßten alle Arten der Homosexuellen, der Transvestiten … all die dekadenten Wüstlinge aus den Zwanziger Jahren, die erotischen Kabarets, Prostitution, Pornographie und Drogenhandel.
Der Nationalismus, ausdrücklich in dem Begriff NSDAP enthalten, weckte in normalen Menschen den Patriotismus. Wie kann die Vaterlandsliebe je etwas Gefährliches oder Schlechtes sein? fragte sich der normale Mensch.
Nazis verabscheuten auch den internationalen Kommunismus, der ja als gottlos bekannt wurde, also gar nicht patriotisch! Kommunisten schienen auch nichts gegen die Abtreibung ungeborener Kinder zu haben, wogegen die Nazis Familienwerte betonten. Sie verteilten z.B. das Mutterkreuz an Mütter, welche viele Kinder zur Welt gebracht hatten. (Obwohl die wahre Absicht eher die war, mehr Kanonenfutter für den Führer zu erzeugen: man denke auch an das schrecklich unmoralische Lebensborn-Programm!)
Die Nazis zeigten auch ganz spezifische oberflächliche Parallelen zu den Mormonen, welche diese ansprachen: Hitler war Anti-Alkoholiker und Nichtraucher. Die Nazis ließen als erste deutsche Regierung die Mormonen an die Kirchenarchive heran, was ihnen früher von den Staatskirchen selber verboten wurde. Das hat natürlich die Genealogie gefördert, doch man hatte nicht in Acht genommen, aus welchen antisemitischen Gründen die Familienforschung in Deutschland plötzlich wichtig wurde! (War ein Opa von dir etwa Jude gewesen?!)
Die Mormonenfolkloristik, von gewissen Pseudo-Sozialwissenschaftlern wie Max Haehnle aus Tübingen gefördert, behauptete sogar, daß Adolf Hitler die Mormonenkirche in Haag am Hausruck, etwa 60 Kilometer von Braunau am Inn entfernt, in jungen Jahren besucht hätte. Dort hätte er vom Wort der Weisheit erfahren. Später soll er die Idee vom Fastensonntag in seinen bekannten Plan, Lebensmittel im Krieg zu sparen, den Eintopfsonntag, umgewandelt haben. Einige behaupteten sogar, er habe sich dort heimlich der Kirche angeschlossen, (eine Ente, die ich in den achtziger Jahren noch von einem Freund von mir hörte, einem Amerikaner, der in Österreich sogar einmal Missionspräsident war!)
Selbst der Ausdruck: Tausendjähriges Reich suggerierte in einigen anfälligen Seelen, daß Hitler von Gott berufen wurde, das Millennium einzuführen, ein Jahrtausend des Friedens! (Auch in England hatte ein anonymer Autor in der Kirchenzeitung Millenial Star genau das behauptet.)
Das kam dazu, als Hitler wie durch ein Wunder die Arbeitslosigkeit und die Hyperinflation zu besiegen schien. Daß dies durch Kriegsvorbereitungen geschah, ist den meisten nicht aufgefallen. Der amerikanische Schriftsteller und Korruptionsschnüffler Upton Sinclair soll einmal gesagt haben: “Es ist schwer, einen Mann zu einem Verständnis zu bringen, wenn sein Gehalt davon abhängt, daß er kein Verständnis dafür aufbringt.”
Der Prophet Joseph Smith hat ein ganzes Jahrhundert vor Hitler diese Gefahr nicht beschönigt, als er sagte: “Ein Mann muß das Urteilsvermögen besitzen, die Geister zu unterscheiden, bevor er diesen höllischen Einfluß ans Tageslicht schleppen kann und ihn der Welt in all seinen seelenzerstörerischen, teuflichen und furchtbaren Farben entfalten kann, denn nichts ist eine größere Verletzung für die Menschenkinder, als wenn sie unter dem Einfluß eines falschen Geistes stehen und doch glauben, sie hätten den Geist Gottes [Betonung von AK]. Tausende haben den Einfluß seiner furchtbaren Kraft und verhängnisvollen Auswirkungen verspürt… Nationen wurden verkrampft, Königtümer gestürzt, Provinzen verwüstet und Blut, Gemetzel und Verödung sind die Montur, in der dies gekleidet wurde.”
David Nelson hatte seine Forschungen über die Mormonen im Dritten Reich einige Zeit vor 2000 begonnen, in welchem Jahr wir uns auf dem Treffen der Mormon History Association [Gesellschaft für Mormonengeschichte] in Dänemark kennenlernten. Er hatte unser Buch über die anti-faschistischen Widerstandstätigkeiten der Helmuth-Hübener Gruppe gelesen: When Truth was Treason [zu Deutsch: Als die Wahrheit Hochverrat war] (mit Augenzeugen Karl-Heinz Schnibbe und meinem Koautor Blair Holmes) und sagte mir, er wolle mehr Rescherchen über die Ära tun; er wolle es eines Tages sogar zum Thema einer Doktorarbeit machen. Als ich ihm dann sein Exemplar unseres Buches signierte, ermutigte ich ihn, “den Umfang dieser Arbeit zu erweitern” indem er in Richtungen forschen möge, welche ich und meine Kollegen nur hin skizzieren konnten.
Fünfzehn Jahre lang hatte er dann emsig recherchiert. Von Beruf Pilot bei einer Luftfahrtgesellschaft fand er inzwischen Zeit, allerhand Dokumente aufzudecken, von Missionsgeschichten bis zu persönlichen Tagebüchern. Er hatte eine Anzahl Interviews mit wichtigen Augenzeugen geführt und hat augenscheinlich nichts unversucht gelassen.
Davids Forschungen wurden in der Tat die Basis für seine Doktorarbeit in deutscher Geschichte auf der Texas A&M (Agricultural and Mechanical) Universität. Die Dissertation wurde dann das Buch Moroni und das Hakenkreuz.
Das Buch behandelt aber viel mehr als nur das Dritte Reich. Es ist ein Sammelsurium von Informationen über die Mormonen in Deutschland vom Anfang an, denn die Erzählung fängt bei deutschstämmigen Mormonen wie Alexander Neibaur (dem jüdischen Zahnarzt und Urgroßvater von dem Star-Gelehrten Hugh Nibley) an, der Joseph Smith nahe stand (und ihm die Zähne reparierte, nachdem diese bei einem Angriff des Pöbels beschädigt wurden).
Anscheinend von Neibaur beeindruckt, artete Joseph Smiths Respekt vor der deutschen Lutherbibel und vor dem deutschen Volk im Allgemeinen in seiner Aussage aus: “Die Deutschen sind ein erhabenes Volk!” [Seite 21]
Moroni und das Hakenkreuz fährt mit seiner Erzählung über den Mormonismus in Deutschland durch das 19. Jahrhundert und durch zwei Weltkriege bis in die Nachkriegszeit fort, mit einem Blick sogar in die DDR bis zur Wende hin.
Und obwohl dieses Panorama nur den Hintergrund malen soll zu dem Hauptschwerpunkt im Dritten Reich, ist das Buch eine wichtige Ergänzung zu der nun sehr veralteten Chronik von Gilbert Scharffs, Mormonism in Germany.
Davids Buch schuldet von A bis Z der mikrokosmischen Helmuth-Hübener-Story Dank. Der Fall Hübener und Anekdoten über die Mitglieder seiner Sankt-Georg Gemeinde in Hamburg enthalten all die Elemente des breiten Spektrums in sich, welche oben angegeben wurden, mit Menschen wie Max Reschke auf einem Ende und Erich Krause auf dem entgegengesetzten Ende des Spektrums.
Helmuth Hübener und seine jungen Mitverschworenen, Karl-Heinz Schnibbe und Rudolf Gustav [Rudi] Wobbe, landeten offenbar auf der richtigen Seite dieses historischen Spektrums, während die Taten ihres Gemeindevorstehers, Arthur Zander, ein leidenschaftliches Mitglied der NSDAP, heute eine akute Peinlichkeit darstellen.
Dies war nicht immer der Fall: einige deutsche Mormonen zu der Zeit und auch Jahre später behaupteten, daß Helmuth und seine Freunde den 12. Glaubensartikel “gebrochen” hätten und hätten somit die Existenz der Kirche in ganz Deutschland gefährdet. Um nur ein Beispiel zu nennen, Karl Schnibbes Schwester Karla hielt, auch Jahrzehnte später, den Jugendstreich ihres Bruders für verräterisch, sündhaft und blöd.
Unumstritten ist, daß die Nazis die ganzen Mormonen hätten ausrotten können. Dem ehemaligen Ratgeber (und späterem Distriktspräsidenten) Otto Berndt, der von der GESTAPO verhaftet und drei Tage und Nächte lang verhört wurde, weil Verdacht bestand, er sei Helmuths Hintermann, sagte nach seinem Verhör ein Agent: “Wenn wir das Judenproblem gelöst haben, kommt ihr Mormonen an die Reihe!”
Im Vergleich zu Zander handelte Berndt auf einer Art und Weise, die mit den Lehren des Friedensfürsten vereinbar waren. (Dabei muß betont werden: daß Zander nachher Helmuth exkommuniziert hatte, könnte nicht nur an seiner Begeisterung für Hitler gelegen haben, sondern auch an seinem Wunsch als echter Seelsorger, seine Schafe vor der Ausrottung durch die Nazis zu schützen.)
Obwohl man Otto Berndt nicht für einen Widerstandskämpfer an sich hält, landeten Otto und andere seinesgleichen an einer positiven Stelle des Spektrums, gute Beispiele der Christenliebe und der Vernunft, unbeeinträchtigt und immun von der Nazi Krankheit.
Andere Mormonen in Hamburg kann man auch so einordnen: Heinrich Worbs wurde in ein Lager geschickt, weil seine abschätzigen Worte über ein Nazi-Standbild von jemandem überhört wurden. In dem KZ wurde er so schlecht behandelt, daß er bald nach seiner Rückkehr nach Hamburg starb.
Solomon Schwarz war ein junges Mitglied, dessen Vater für einen Juden gehalten wurde — seine Mutter wurde von einem Unbekannten während des ersten Weltkriegs vergewaltigt — weil Solomons Nase (nebst dem verhängnisvollen Namen!) den Zerrbildern von Juden in dem Stürmer entfernt ähnlich gewesen sein sollte.
Solomon wurde von der Gestapo verhaftet und starb in einem KZ. Jahre später hat mir seine Halbschwester Anne Marie Vedder anvertraut, sie war immer sicher, er wurde von Arthur Zander denunziert. Zander hatte, um Solomon fern zu halten, ein Schild an die Tür des Gemeindehauses angebracht, worauf stand: “Juden ist der Eintritt verboten!”
Einem Bruder namens Franz Jacobi platzte nach Helmuths Verhaftung heraus, daß Helmuth erschossen werden sollte. Wenn er eine Waffe hätte, täte er es gerne selber. (Einige behaupten, es war Zander, der sowas sagte. Vielleicht sagten beide etwas Ähnliches.)
Dagegen steht der Fall von Schwester Emma Hasse, die eines Tages arglos ein britisches Flugblatt in die Kirche brachte, welches von einem Flugzeug über Hamburg ausgestreut worden war. Zander drohte ihr mit Verhaftung, falls sie sowas je wiederholt. Sie gehört zweifelsohne mit einer Mehrzahl der Anderen auf die harmlose Seite des Spektrums.
Nelson erinnert uns daran, daß die Familie Schmidt, darunter die Tochter Herta, die zukünftige Frau von Rudi Wobbe, ganz aus Antifaschisten bestand. Alfred Schmidt, Präsident der Gemeinde Barmbek in Hamburg, nahm Solomon Schwarz in seine Gemeinde auf. Alfreds Vater Walter Schmidt besuchte Solomon zu Hause, auch bei der Gefahr, gesehen zu werden. [Seiten 284-285]
Dabei behauptete Karl Schnibbe, ohne ihn beim Namen zu nennen, daß ein Mitglied der Kirche aus Hamburg bei der SS gewesen sei, und daß gemunkelt wurde, er sei an dem Mord an einem Kommunisten beteiligt. (Ich bereue jetzt sehr, daß ich Karl nicht nach dem Namen gedrängelt hatte!)
Schnibbe erwähnte, daß einige aus der Gemeinde in ihrem Braunhemd erschienen sind, was auf SA Mitgliedschaft schließen läßt. [Seite 283]
Ich habe einmal über den interessanten Fall von Bruno Stroganoff berichtet, ein sehr junges, naives Mitglied der Kirche, dessen Vater auf der Seite der Weißen im russischen Bürgerkrieg gefallen war, und der von einer männlichen Vertrauensperson in die SS bugsiert wurde. Bruno desertierte sofort, als er erfuhr, was für schreckliche Verbrechen die SS in jüdischen Dörfern in Polen angerichtet hatten. Er wurde gefaßt und mußte als Arbeitssklave Flugmotoren bauen. Als ich ihn kennenlernte und interviewte, war er Patriarch in seinem Pfahl in Heidelberg.
Joseph Dixon erwähnt in einem Artikel von 1972, “Mormons in the Third Reich 1933 - 1945” einen (namenlosen) Mormonen, “einen Mechaniker aus Auschwitz”, der einen Nervenzusammenbruch erlitt, als er aus Polen nach Hause kam.
Dieses breite Spektrum des Handelns — anti-Nazi bis pro-Nazi — gilt auch für alle Arten anderer Kirchenmitglieder, einschließlich jene aus den USA und Großbritannien. Zu den damaligen amerikanischen Missionspräsidenten zählte z.B. ein gewisser Roy Welker, der bodenlos blauäugig und schlecht informiert zu sein schien — zugestandenermaßen in den frühen Jahren der NS-Herrschaft. Er hielt 1937 nach seiner Mission eine hochtrabende Rede vor einer Art Rotary Club in Salt Lake City, worin er behauptete: “Die Juden sind in Deutschland heutzutage sicherer, als in vielen anderen Teilen der Welt.” [Seite 13]
Seine Frau Elizabeth wurde in das Zentrum der Nazi Wirbel in Berlin hineingezogen, nachdem sie sich laut und öffentlich beschwert hatte, daß so viele junge Mädchen auf Nazi Jugendkonferenzen schwanger wurden. Ihre moralische Empörung wurde von der Reichsfrauenführerin Gertrud Scholz-Klink bemerkt, welche dann Schwester Welker als eine Gleichgesinnte umarmte und als eine Verfechterin für die Sachen Keuschheit und große Familien mit sich führte.
Bruder Welker berichtete mit Stolz, daß seine Frau mit der Scholz-Klink bei mehreren Anlässen in Hitlers Wagen hatte mitfahren dürfen.
Die naiven Kavaliersdelikte der Welkers verblassen im Vergleich zu der wahren pro-Nazi Leidenschaft eines späteren amerikanischen Missionspräsidenten, Alfred C. Rees, der ursprünglich nach Frankfurt berufen wurde, der aber geschickt sich nach Berlin versetzen ließ, weil er politisch sehr dran interessiert war, in der Reichshauptstadt zu sein.
Nelson berichtet, Rees sei Geschäftsmann gewesen, vormals Reklamemanager der Zeitung Deseret News, der auch in politischen Aktionen am rechten Flügel tätig war. Er gründete eine Gesellschaft der Steuerzahler Utahs [Utah Taxpayers Association], die bis in die heutige Zeit gegen jede Art der Sozialhilfe und Unterstützung für Schulen usw kämpft. Auch focht er gegen Gewerkschaften.
Alfred und Ida Rees stiegen mit Enthusiasmus in ihre Missionsberufung. Sie besuchten hohe Regierungsbeamte und befreundeten alle, wo es eben ging. Ein Freund von ihnen dürfte wohl Alfred Rosenberg gewesen sein, der “Philosoph” des Dritten Reiches. In ihrem Tagebuch schrieb Schwester Rees jedenfalls von einem Treffen zwischen ihrem Mann und einem “Dr. Rosenberg.” Leider verschwieg sie seinen Rufnamen. Es dürfte dann doch wohl Alfred Rosenberg gewesen sein, denn Alfred Rees hatte bald darauf Erfolg, einen Artikel in dem Völkischen Beobachter erscheinen zu lassen. Ausgerechnet Alfred Rosenberg war der Herausgeber.
Nach Aussagen seines Missionssekretärs, Ralph Mark Lindsey, glaubte Rees, er habe ein Versprechen von dem Völkischen Beobachter erhalten, keine anti-Mormonen-Artikel mehr zu veröffentlichen. Als dann ein solcher Artikel Anfang April 1939 doch erschien, beklagte sich Rees und als Vergütung dafür erhielt er die Erlaubnis, seinen eigenen Artikel über die Mormonen zu verfassen, der dann an der prominentesten Stelle der Zeitung erscheinen sollte.
Rees reichte dann seinen Artikel, “Im Lande der Mormonen,” ein, der am 14. April, 1939 erschienen ist. Die Auflagenhöhe der Zeitung damals grenzte täglich an eine Million. Lindsay berichtete aber auch, daß die Zeitung darüber hinaus für Präsidenten Rees viele Tausend Kopien als Einblattdruck bereitete.
Der Artikel ist von oben bis unten ein schamlos kriecherischer Versuch, die Grundphilosophie des Mormonismus mit der des Nazismus gleich zu schalten. Er zeigt Parallele zwischen den beiden Systemen und tut das auf der denkbar sympathischsten Art und Weise. Von Hitlers Nichtrauchen und Nichttrinken bis hin zu der Verbindung von Fastensonntag zu Eintopfsonntag bis zu dem neuen Naziinteresse an Familienforschung … wiederholt der Artikel viele der alten Enten, die damals in der Folklore herum watschelten.
Den Artikel heute zu lesen, ohne zu kotzen, verlangt, daß man viel Nachsicht für einen Missionspräsidenten aufbringt, der eifrig ein Regime befreunden wollte, von dem er offensichtlich begeistert glaubte, Gott habe es etabliert, um das Millennium einzuführen.
Aber alle anderen europäischen Missionspräsidenten damals schienen auf dem eher harmlosen Ende des Spektrums zu landen. Franklin J. Murdock, Präsident der Mission in den Niederlanden, spielte einmal auf einer Konferenz der Missionspräsidenten 1938 in Kopenhagen dem lästig chauvinistischen Rees einen Streich. Er stand hinter Rees und brüllte: “Heil Hitler!” Rees erwiderte reflexartig: “Heil Hitler!” “Das war natürlich nicht etwas, was ein Amerikaner hätte tun sollen, es sei denn, er war für das Hitler-Regime” stellte Murdock fest.
Zu Murdock und Philemon M. Kelly, kam auch M. Douglas Wood, ein Lehrer und Intellektueller, der Kelly in Frankfurt ablöste, der auch aufs Schärfste Rees’ Ansichten widersprach.
Auf einer Konferenz in Luzern erlebte Franklin J. Murdock häufig Meinungsverschiedenheiten zwischen Wood und Rees. “Ich bemerkte, daß diese beiden Männer sich unterhielten. und daß jeder ziemlich gegen die Meinung des Andern war. Sie konnten nicht miteinander einstimmen darüber, was in der Welt passierte.”
Wallace F. Toronto, Präsident der Tschechischen Mission, geriet auch mit Rees in Streit. Hitler war ja 1938 und 1939 in die Tschechoslowakei eingefallen. Murdock fährt mit der Erzählung fort: “Hier stand Bruder Toronto, der zwei Missionare sechs Monate lang im Gefängnis hatte … also hörte sich Bruder Toronto Präsidenten Rees an, und dann sagte er: ‘Nun, ich könnte ihnen nicht trauen. So sehe ich die Sache. Sie sollten sich in Acht nehmen, Präsident Rees!’”
Ein sehr schmerzhaftes Kapitel in alledem, schlußendlich, handelt von J. Reuben Clark, Jr., einem Mitglied der Ersten Präsidentschaft. David Nelson scheint hierin D. Michael Quinn zutiefst verpflichtet, dessen Biographie über Clark 2002 erschien. (Quinn hatte man auch herangezogen, als ad-hoc-Mitglied von Davids Doktorausschuß an der Universität Texas A&M zu dienen.)
Quinn schrieb — mit sehr viel Nachsicht, wie mir scheint — daß sich das Leben von Clark über einen Zeitraum erstreckte, worin man “enorme Änderungen in den Einstellungen und in der Handlungsweise westlicher Gesellschaften, der Vereinigten Staaten und der HLT Kirche gegenüber Rassen und den ethnischen Völkern der Welt” erlebte.
Als junger Mann, schreibt Quinn, besaß Clark “die volle Ausstattung des Rassismus, die in Amerika des späten 19. Jahrhunderts charakteristisch war.” Clarks ausländerfeindliche, nativistische Ansichten sind in seiner bombastischen Abschiedsrede [valedictory address] im Namen der Studentenschaft offenkundig, welche er 1898 an der University of Utah hielt. Er deklarierte, daß “Amerika aufhören muß, die Kloake zu sein, in welche die widerlichen Abwasser Europas fließen … Große Flutwellen ausländischer Almosenempfänger brechen an unseren Meeresufern. Immer wieder wogten diese berghohen Meeresausbuchtungen auf, welche mit zwingender Notwendigkeit den Dreck eines Kontinenten weit landeinwärts geworfen haben … Diese großen unerwünschten Elemente haben unsere Länder überfallen, plündern unsere Heime und drohen unser Leben. Es ist an der Zeit, daß diese Diebe, Anarchisten und Meuchler von unseren Küsten ausgegrenzt werden.”
Clark hat mit der Zeit seine intellektuell sich anmaßende jedoch unreife Rhetorik und einige seiner extrem rassistischen und ethnischen Ansichten gemäßigt. Andere behielt er bis ans Lebensende. Quinn bemerkte, daß “es eine ethnische Gruppe gab, gegen die Reuben lebenslang Abneigung und Mißtrauen ausdrückte — das jüdische Volk.”
Quinn behauptet, Clark habe mehrere Exemplare des Buches Die Protokolle der Weisen von Zion in seiner Privatbibliothek lagernd aufgehalten, welche er mit Bekannten und Kollegen teilte, zusammen mit anderen antisemitischen Schriften (unter anderen die von Henry Ford). Das Buch ist eine krasse Fälschung, welche angibt, die Protokolle aus den geheimen Sitzungen der Juden zu sein, die die große Verschwörung leiteten, heimlich die Welt zu erobern. Es war, schrieb Norman Cohn in seinem Buch darüber, a Warrant for Genocide [Ein Berechtigungsschein für den Völkermord].
Clark drückte anti-semitische Ansichten “öffentlich in Code, doch im Privaten ausdrücklich” aus, und benutzte seine Stellung in der Kirche, alles zu verhindern, was er für “jüdischen Einfluß” hielt. Clarks Antisemitismus scheint zum Teil aus seinem leidenschaftlichen Antikommunismus abgeleitet zu sein. Quinn notiert: “obwohl nicht alle amerikanischen Antikommunisten antisemitisch waren, tendierten die Intensivsten dahin. Reubens eigene Fusion von Antikommunismus und Antisemitismus war typisch für diese Tendenz.”
David Nelson notiert, daß Quinn schreibt, Clarks Ansichten stimmten nicht mit seinem Kollegen und späterem Präsidenten der Kirche David O. McKay überein, dessen “positive Einstellungen gegenüber den Juden, dem Zionismus und dem Staate Israel charakteristischer war für die Mormonen im Allgemeinen als die antisemitischen Ansichten und administrativen Taten von Präsidenten Clark.”
Im Buch von Nelson lesen wir, daß Clark einen vorgedruckten Brief mit Standardklauseln an jüdische Mormonenkonvertiten aus Europa schickte, welche um Hilfe von der Kirche baten, Sponsoren zu finden, d.h. Amerikaner, die für sie bürgen würden, damit sie einreisen dürften: “In Bezug auf Ihren interessanten Brief; wir haben soviel Ersuchen dieser Sorte von verschiedenen Personen, einschließlich von Mitgliedern der Kirche, daß wir es für nötig halten, uns von solchen Verbürgungen zu enthalten.” [Seite 273-274] Clarks herzzerreißender herzloser Standardbrief schlug dann vor, man möge sich an jüdische Hilfsorganisationen wenden.
Dies führt mich an die Stelle, wo ich ungern einen schwerwiegenden Mangel an dem Buch Moroni und das Hakenkreuz feststellen muß. Obwohl ich der Meinung bin — und ich bin überzeugt, jeder halbwegs objektive Leser dieses Buches wird es auch so sehen — daß die Fälle, welche David Nelson aufzählt, und die wie gesagt auf einem breiten Spektrum gestreut sind, mit gewaltlosen Antifaschisten wie Max Reschke und Helmuth Hübener auf der einen Seite und mit enthusiastischen Nazis wie Erich Krause und Arthur Zander auf der anderen — und eine ganze Menge Ansichten und Taten in der Mitte, zweifelsohne meistens harmlos — entschließt sich David unerklärlicherweise, all die pro-Nazi Einstellungen und Verhaltensweisen mit der offiziellen Mormonenkirche in Verbindung zu bringen.
Diese, glaubt er, sei in vollem Einklang mit dem Dritten Reich gewesen, in voller Sympathie. Anti-Nazi Einstellungen und Verhaltensweisen verschiedener Mormonen beliebt er als Ausnahmen zu beschreiben, die die Regel bestätigt bzw benebelt. Dieses Hühnchen rupft er konsequent durch das ganze Buch hindurch.
Für Nelson war die Kirche Erich Krause, nicht Max Reschke, Helmuth Hübener, Rudi Wobbe oder Karl Schnibbe. Sie war Arthur Zander, nicht Heinrich Worbs, Solomon Schwarz, Otto Berndt oder Alfred und Walter Schmidt. Die Kirche war J. Reuben Clark und Alfred C. Reese, nicht David O. McKay, Franklin J. Murdock, Philemon M. Kelly, M. Douglas Wood oder Wallace F. Toronto.
Das überrascht, denn gerade die Fälle, mit denen David instinktiv am meisten sympathisch ist, wie zum Beispiel mit dem Fall des heldenhaften Max Reschke, sind Fälle, die er dann im Grunde ignorieren oder verdrehen muß, um den Mormonismus global der Nazismusfreundlichkeit schuldig zu sprechen.
(Daß Davids Schlußfolgerungen so diametral mit der Information in seinem eigenen Buch zusammenprallen kann, ersieht man aus der oben eben zitierten Stelle, wo es hieß, daß David O. McKays “positive Einstellungen gegenüber den Juden, dem Zionismus und dem Staate Israel charakteristischer waren für die Mormonen im Allgemeinen als die antisemitischen Ansichten und administrativen Taten von Präsidenten Clark.”)
David scheint mit einer apriorischen Voreingenommenheit ans Werk gegangen zu sein, daß die Kirche durchaus pro-Nazi schuldig sei, so daß er auch seine eigenen Forschungsergebnisse dann links liegen lassen mußte, um an seinem Urparadigma nicht zu rütteln. Diese Parteilichkeit verführt ihn dazu, ganz unschuldigen Menschen Ruchlosigkeit vorzuwerfen.
Ein eklatantes Beispiel davon, obwohl durchaus trivial, ist der Fall von Kirchenpräsidenten Heber J. Grant, der in Davids Augen dem Nazismus sympathisch gewesen sein mußte, weil es ein Foto von ihm aus dem Jahr 1937 gibt, als er auf einer Deutschlandreise eine Predigt in einem gemieteten Saal hielt, hinter ihm auf dem Foto zu erkennen: eine Hakenkreuzflagge! Mir ist dies eine bedeutungslose Ente: 1937 werden die meisten der Mietsäle in Deutschland eine solche Fahne gehabt haben. (David gibt das auch zu.) Aber dann erwähnt er den Fall ein zweites Mal [Seiten 11, 217], als müßte so die Sache überzeugender werden.
Sogar Helmuth Hübener wird in Davids Buch verpönt. David beklagt sich, daß Hübener “niemand gerettet” hatte [Seite 253] wie es Max Reschke getan hatte, insinuierend, daß Helmuth nicht willens war, Juden zu retten. Später wirft David Helmuth vor, “keinerlei Meinung zu der Mißhandlung der Juden in Nazi Deutschland ausgedruckt zu haben, jedenfalls nicht schriftlich” [Seite 304], was wiederum unfair andeutet, Helmuth hätte nichts einzuwenden gehabt gegen die Mißhandlung der Juden durch die Nazis. Das ist der reinste Blödsinn: Karl und Rudi haben sehr oft bekräftigt, wie entsetzt sie alle waren — insbesondere Helmuth — von solchen Greueltaten, besonders dann bei der Reichskristallnacht.
David behauptet weiter: “In modernen Zeiten ist Hübener eine Ablenkung geworden. Seine uncharakteristische Widerstandstätigkeit fungiert als künstlicher Nebelschleier, welche die Realität der Mormonen-Mitläufer-Taten im Dritten Reich verbirgt” [Seite 344]
(Ich möchte David vergewissern, daß meine Forschungsarbeit zu der Hübener-Story nie die Absicht hatte, irgend etwas zu verschleiern: Ich bin sogar der erste Gelehrte, der die problematischen Fälle wie Zander und Rees in Druck erwähnt habe. Ich gebe zu, gehofft zu haben, daß die Hübener-Story zeigen sollte, daß nicht alle Mormonen wie Zander und Rees handelten.)
Es ist bemerkenswert, daß der beindruckende anti-Nazi Fall von Max Reschke, den David selber hervorhebt — ihn zutreffend als eine Art Mormonen-Oskar-Schindler bezeichnend — für Nelson nur in sein Paradigma von einer “zentralisierten Strategie von in der Hierarchie weit oben stehenden Kirchenleitern angeordnet” [Seite 4] passen kann, wenn er behauptet, die Kirche habe systematisch durch ihre “gläubigen Historiker” das Wissen über Reschke verdrängt.
(Ich möchte David vergewissern, wenn ich die geringste Ahnung von Reschke gehabt hätte, ich hätte seinen Fall sofort zelebriert! )
Mein Koautor Douglas Tobler hatte 1992 zufällig von Reschke in einer seiner Klassen gehört, und zwar von einem Studenten, der mit Reschke verwandt ist, und er hatte die Sache ganz am Ende eines anderen Artikels erwähnt, der schon auf dem Weg in den Druck war. Nelson tadelt aber Tobler dafür, “nur fünf Sätze in einem Artikel von 33 Seiten” über Reschke geschrieben zu haben, trotzt Toblers Versprechen in seinem letzten Satz: “Die volle Geschichte von Reschkes Heldentum muß noch erzählt werden!” [Seite 262]
Ich schließe mit noch einer kurzen Fußnote zu dem Fall Hübener. Es klingt nach David, als hätte die Kirche die Veröffentlichung der Hübener-Story systematisch unterdrückt, auch nachdem ich angefangen hatte, über sie zu schreiben. Demnach sei die Kirche bis in die achtziger Jahre immer noch durchgehend pro-Nazi gewesen.
In der Tat hatte der damalige BYU Präsident Dallin Oaks mich einmal angerufen und mir mitgeteilt, daß der Apostel Elder Thomas S. Monson ihn gebeten hätte, mich und meinen Koautor Douglas Tobler und unseren Freund Professor Thomas Rogers zu bitten, ihm einen Gefallen zu tun. Tom hatte nämlich auf der Basis von unseren Forschungen ein Theaterstück über Helmuth geschrieben, welches damals mit großem Erfolg an der BYU über die Bühne ging.
Monson teilte uns über Oaks mit, er wisse ganz genau, was dies für das Prinzip der akademischen Freiheit bedeute, wollte aber uns als Freunde bitten, eine Verlängerung der Spielzeit zu verschieben, weil er uns sagte, er habe einen guten Grund, könne uns aber leider nichts Näheres darüber sagen. Es würde aber nicht lange dauern, sagte er, er bitte nur um ein wenig Zeit, ein wenig Geduld.
Später erfuhren wir, daß Elder Monson gerade zu dem Zeitpunkt tief in Verhandlungen mit den höchsten Politikern in der DDR steckte und hatte Sorgen, dieses Regime würde befürchten, ein junger Mormone könnte ihr Gegner werden.
Hierin gibt es zahlreiche Schichten der Ironie, darunter, daß diese Verhandlungen mit der kommunistischen Regierung der DDR noch unterwegs waren, als Ezra Taft Benson 1985 Präsident der Kirche wurde. Benson war eine hoch aufragende politische Figur, dessen Feuereifer für den Antikommunismus legendenhaft war.
Noch eine Ironie bestand darin, daß Kommunisten normalerweise keine Angst haben vor anti-Faschisten wie Hübener; in der Tat vergöttern sie sie. Man verwechselt sie jedenfalls nicht mit anti-Kommunisten. Elder Monson wollte aber auf Nummer sicher gehen.
(Hätte er damals schon gewußt, daß der Fall Hübener in der kommunistischen DDR weit und breit publiziert gewesen war, sogar in Best-Seller-Büchern über anti-Nazi-Helden, hätte Elder Monson sich hierin keine Sorge machen brauchen.)
Als David diesen Fall in seinem Buch beschrieb, mußte er augenscheinlich, um seinem Paradigma treu zu bleiben, starke Worte gebrauchen, wie: “ordered, banned, forbade” [befohlen, verbannte, verboten: Seiten 290, 322]
Solche Worte wurden nie von Oaks und Monson gebraucht: der Ton ist eben grundfalsch. Weiter behauptet David: Keele, Tobler und Rogers hätten “keine andere Wahl. Sie mußten sich eben dem Edikt der Kirchenführer fügen., welche über ihre weitere Erwerbstätigkeit die Herrschaft hatten.” [Seite 325] Das alles macht einen ganz falschen Eindruck. Kein solcher Zwang wurde im Geringsten angedeutet geschweige denn angedroht.
Nachdem eine gewisse Zeit verstrichen war – inzwischen wurden die Verhandlungen Monsons mit der DDR öffentlich bekannt – fuhren meine Kollegen und ich — der sehr tüchtige Geschichtsprofessor Blair Holmes hatte sich uns inzwischen zugesellt — unbehelligt mit dem Projekt fort.
Zuerst erschien 1980 ein Artikel in dem Magazin Sunstone: “The Führer’s New Clothes” [des Führers neue Kleider]. Dann erschien ein schmales Buch 1984 bei Bookcraft: The Price.The True Story of a Mormon Who Defied Hitler [Der Preis. Die wahre Geschichte eines Mormonen, der sich Hitler widersetzte].
(Bookcraft hatte anscheinend irrtümlich auf ein kleines Buch bestanden. In kurzer Zeit kauften es ca.15.000 Menschen, und fast alle haben sich beschwert, es sei viel zu kurz! Sie wollten mehr wissen!)
Während ich die Korrekturen las, erfuhr ich, daß Bookcraft sich vergewissert hatte, daß der Rat der zwölf Apostel gegen die Erscheinung des Buches nichts einzusetzen hatte: nihil obstat!)
Dann erschien 1991 auf Wunsch von Karl Schnibbe, ein Buch in deutscher Sprache, Jugendliche gegen Hitler: Die Helmuth Hübener Gruppe in Hamburg 1941/42. [Verlagsgemeinschaft Berg].
Das erwünschte größere Buch in englischer Sprache, When Truth was Treason [Als die Wahrheit Verrat war], das dann nichts mehr ausließ, erschien 1995 bei dem renommierten University of Illinois Press, der für Mormonengeschichte berühmt ist (mit einem Vorwort von Klaus Hansen, einem angesehenen Geschichtsprofessor an der Universität von Toronto).
Ich habe dann 2002 als historischer Berater bei einem Dokumentar-Film für den amerikanischen Public Broadcasting Service (PBS) mitgewirkt, Truth and Conviction [Wahrheit und Überzeugung].
Um auf die zentrale Frage zurückzukommen, welche Davids Buch aufwirft: Als Mormone wünschte ich mir leidenschaftlich, daß im Dritten Reich jedes Mitglied meiner Kirche auf beiden Seiten des Atlantiks mit vollkommener Weisheit, mit scharfer politischer Einsicht, mit tiefster Nächstenliebe, mit unbegrenzter Courage und mit absoluter Integrität gehandelt hätte. Ich wünschte, daß keines durch die eigenen Wahrnehmungsverzerrungen, durch den politischen Eifer oder den Haß, sei dies auf Juden oder Kommunisten, verleitet worden wäre.
Ich wünschte, alle Mitglieder wären besser informiert gewesen, daß sie bessere Quellen der Information gehabt hätten, wie Helmuth sie in der BBC hatte. Ich wünschte mir, daß nicht mal eine Seele den listigen Propaganda-Bemühungen von beispielsweise Josef Goebbels bzw der Protokolle der Weisen von Zion erlegen wären. Ich wünschte, sie wären alle vollkommene Jünger Christi, des Friedensfürsten, gewesen.
Dabei bin ich immens stolz auf all diejenigen, welche in der Tat Seine Jünger geblieben sind, welche irgendwie die schrillen Stimmen der Haß-Prediger blockierten und das Richtige taten, auch in vielen Fällen sogar Heroisches taten.
Doch obwohl ich mir wünsche, daß alle Helden gewesen wären, so läuft die Geschichte der Menschheit nicht ab. Menschen und Institutionen sind nicht unfehlbar. David Nelson beginnt sein Buch mit einem Zitat von Apostel Elder Dieter F. Uchtdorf aus der Generalkonferenz vom 5. Oktober 2013: “und um ganz offen zu sein, es hat Zeiten gegeben, wo Mitglieder bzw Leiter in der Kirche einfach Fehler gemacht haben. Es dürften Dinge gesagt oder getan worden sein, die nicht im Einklang waren mit unseren Werten, Prinzipien oder Lehren.”
Weil einige Mormonen während des Dritten Reiches furchtbare Fehler begangen haben, besitze ich nicht die moralische Autorität, bei David Nelson oder bei sonstwem darauf zu bestehen, die Sache genauso zu sehen, wie ich sie sehe. Er betrachtet die Erich Krauses, die Arthur Zanders, die Alfred C. Rees’ und die J. Reuben Clarks als typisch für die Mormonen, für durch und durch eine Art Kernmormonen. Ich sehe sie mit tiefgründiger Betroffenheit und Traurigkeit als mitleiderregend mängelbehaftete Individuen.
Andererseits betrachtet Nelson die Helmuth Hübeners und die Max Reschkes als Sonderfälle und Ausnahmen, welche die Regel bestätigen. Ich achte sie dagegen als Menschen, welche eher getreu und gemäß dem gehandelt haben, was ich behaupte, das Evangelium des Friedensfürsten uns als Maxima des Handelns und des Strebens hinhält. Ich empfehle sie allen Mitgliedern der Kirche herzlichst als Identifikationsfiguren, das heißt, als Vor- und Leitbilder für unser aller Leben.
Schlußendlich müßten alle halbwegs faire Menschen übereinstimmen können, daß es eine Vielzahl von Reaktionen auf das Dritte Reich gegeben hatte, auch unter den Mormonen. Im Lichte der Geschichte gesehen waren einige davon furchtbar gewesen, und einige waren wunderbar. Meines Erachtens müssen wir einen Weg finden können, aus all diesen Fällen heraus etwas Wichtiges zu lernen, von den Guten, den Schlechten und sogar den ganz Häßlichen.
Warum habe ich also nun eine Buchbesprechung geschrieben, in der es klingt, als würde ich ein sehr mängelbehaftetes Buch meinen Lesern empfehlen? Trotz aller Mängel — welche in der Hauptsache darin bestehen, von den einzelnen Fällen keine überzeugenden Schlußfolgerungen zu ziehen — welche unerklärlicherweise seine akademischen Berater sowohl seine Lektoren bei seinem Verlag nicht haben korrigieren helfen können — ist Davids Buch eine Quelle wichtiger wertvoller Informationen.
Ich möchte dieses Kind — die Information — behalten, aber das Badewasser – Davids vorwurfsvolles Paradigma der all-sehenden, allmächtigen, alles bestimmenden pro-Nazi Mormonenkirche – ausschütten können. Bis ein besseres Buch darüber erscheint, enthält Davids Werk mehr Auskunft über die Mormonen im Dritten Reich als jede andere einzelne Quelle, die ich kenne. (Und ich finde, es ist sehr leicht, sich die Fälle anzusehen, welche David behandelt, und zu ganz anderen Schlußfolgerungen kommen. Ich finde seine globalen Argumente gegen die Kirche an sich außerordentlich arm an Überzeugungskraft.)
Vielleicht wäre es zu weit hergeholt, um auch bloß als Metapher zu dienen, aber mir kommt es vor, daß das Teleskop Hubble entfernt analog ist. Nachdem es in seine Erdumlaufbahn abgeschossen worden war, erfuhren die Wissenschaftler, daß ein optischer Defekt vorhanden war. Raffiniert wurde dann eine Linse fabriziert, die in die Erdumlaufbahn gebracht wurde und vor das Originalobjektiv gestellt, um die Optik zu korrigieren. Hubble war dann in der Lage, uns verwunderliche Sachen zu zeigen, die bisher in unserem Universum ungesehen blieben.
Ich schlage vor, daß Leser von Moroni und das Hakenkreuz sich gleichfalls bereit stellen, sich ihre eigenen Korrektionsgläser aufzusetzen, eine Brille aus Nächstenliebe und Demut, während sie Davids ärgerliches und jedoch nützliches Buch lesen. Ich schlage vor, daß wir auf die wichtige Information schauen und — weil wir auch nicht tadellos sind — willens sein werden, die Fehler in der Darstellung der Information zu übersehen.
Spätestens seit dem wichtigen Zeitpunkt, an dem Kirchenpräsident Gordon B. Hinckley, in Zusammenarbeit mit Kirchenhistoriker Elder Marlin K. Jensen, sich mit Recht entschied, schmerzhafte historische Dämonen wie z.B. das Massaker bei Mountain Meadows nicht mehr zu ignorieren oder zu verschweigen sondern tatkräftig auszutreiben, und zwar durch gründliche, ehrliche Gelehrsamkeit und erbarmungsvolles, aufrichtiges Bitten um Entschuldigung bei den tödlich beleidigten Parteien, ist es nun klar, wir können die Geschichte der Mormonen im Dritten Reich nicht verschweigen bzw. schönreden oder -färben wollen. Wir können auch nicht die Information ignorieren, auch wenn sie in mit Makeln behafteten Büchern wie dieses hier erscheint, welche versuchen, wenn auch auf schmerzhafte Art, uns unter unserem Kollektivhintern ein Feuer zu machen.
Es stehen einfach zuviele wichtige Lektionen auf dem Spiel. So schmerzhaft es auch sein mag, die Fehler einiger Mitglieder der Kirche aufzuzählen, die auf die falsche Seite der Zeitgeschichte hin gestolpert sind, als sie mit dem wohl bösesten Regime der Weltgeschichte konfrontiert wurden, ist es grundfalsch und überaus gefährlich, nichts aus ihren grässlichsten Versagen lernen zu wollen.
Umgekehrt müssen wir von den heroischen Heiligen wichtige positive Lektionen wegnehmen, die dem bösen Regime die Stirn boten. Wie haben sie das getan? Wie haben sie die ganzen Fallstricke vermieden? Warum sind sie auf der richtigen Seite der Weltgeschichte gelandet? Es folgen einig Beispiele von Lektionen, die wir als Volk lernen könnten und sollten:
Während eines Besuchs von mir 2007 in der Villa Wannsee außerhalb von Berlin, wo die berühmt-berüchtigte Wannsee-Konferenz Anfang Januar 1942 stattfand, mit Adolf Eichmann als Protokollführer, in welcher die “Endlösung des Judenproblems” beschlossen wurde, war ich fasziniert — und ehrlich gesagt schockiert! — von einer Ausstellung dort zu erfahren, daß die Nazis in Deutschland eigentlich mehr Homosexuelle als Juden ermordet hatten.
(Ich stutze momentan, bis ich endlich begriff: “Aha! in Deutschland allein — allerdings vermutlich das damalige ‘Großdeutschland’” — denn, obwohl natürlich viele deutsche Juden ermordet wurden, stammte die Mehrzahl der ermordeten Juden ja aus Polen, Ungarn, der Ukraine und dergleichen anderen Ländern im Osten.)
Ich bin überzeugt, diese ernüchternde Tatsache von der Existenz und dem Umfang solcher menschenmörderischen Homosexuellenfeindlichkeit der Nazis damals, wenn sie weiter verbreitet und besser verstanden würde unter den Mormonen heute, einen wichtigen mildernden Effekt haben könnte auf das aktuelle Denken darüber, wie Jünger des Friedensfürsten reden und sich benehmen sollten gegenüber der LSBT-Gemeinschaft, besonders wenn wir bedenken, daß der Schwulen-Haß im Dritten Reich fälschlicherweise als eine erhabene moralische Einstellung dargestellt wurde, als ein rechtschaffener religiöser Standpunkt gegen sündhafte Monstren, von faschistischen Aufhetzern als unmittelbar drohende Gefahr dargestellt.
Dasselbe gilt für alle Arten der Xenophobie, der Fremdenfeindlichkeit, für den Rassismus wie auch für andere Sorten von Angst und Haß gegen andere ethnische Gruppen. Wenn wir überhaupt etwas von Nazi Deutschland gelernt haben, muß es dies sein: jeder Versuch, andere Menschen als minderwertig (Untermenschen!) zu schildern, während wir uns selber als überlegen (Übermenschen!) verstehen, muß unumgänglich zur Katastrophe führen.
Wer theologisch alle Menschen als Kinder Gottes betrachtet, muß sich sicherlich angeekelt fühlen, wenn Menschen als widerliches Kloakenwasser, charakteristisch kriminell oder anderswie als untermenschlich beschrieben werden.
(Ich weise insbesondere auf das Wort alien, das in den USA schlicht Ausländer heißt, das aber nach außerirdischen Lebensformen anklingt. Dazu kommt der Ausdruck illegal alien, was bloß soviel heißt wie: einer ohne Visum, was sich aber anhört wie: ein illegales fremdes nicht menschliches Wesen aus dem Weltraum.)
Noch eine wichtige ermahnende Lektion aus dem Dritten Reich handelt vom unmäßigen patriotischen Feuereifer und einem Vorwärtsstürzen in den Krieg. Präsident Spencer W. Kimball schrieb mitten im kalten Krieg damals im Jahre 1976 für die Juni Ausgabe der Kirchenzeitschrift Ensign einen Artikel, der das 200-jährige Bestehen der USA seit der Unabhängigkeitserklärung vom 4. Juli, 1776 zelebrieren sollte. “The False Gods We Worship” [Die falschen Götter, welche wir anbeten] hieß der Artikel.
“Wir sind ein kriegerisches Volk, sehr leicht abgelenkt von unserem Auftrag, das Kommen des Herrn vorzubereiten. Wenn Feinde sich erheben, geben wir enorme Ressourcen her für die Herstellung von Göttern aus Stein und Stahl … und verlassen uns auf sie für Schütz und Erlösung. Wenn wir bedroht werden, werden wir anti-Feind statt pro-Gottesreich; wir bilden einen Mann in der Kriegskunst aus und nennen ihn einen Patrioten, dabei die Lehre des Erlösers pervertieren — auf der gefälschten Art wie Satan den wahren Patriotismus pervertiert — daß wir unsere Feinde lieben sollten, diejenigen segnen sollten, die uns fluchen, Gutes tun an denen, die uns hassen und für diejenigen beten, welche uns boshaft missbrauchen und verfolgen. [Matthäus 5: 44-45] Was haben wir zu befürchten, wenn der Herr mit uns ist? … Unser Auftrag ist affirmativ … das Evangelium zu unseren Feinden zu bringen, daß sie nicht länger unsere Feinde sind.”
Wir lernen aus dem Fall Drittes Reich, daß der Krieg sehr leicht als gerechter Krieg formuliert werden kann (“seit heute früh um 4.45h wird zurückgeschossen!” — Sender Gleiwitz und all solches …) Den Feind beschreibt man als ungeheuer infernalischen Gegner, der unser Leben bedroht, woraufhin auch Gottesgläubige Menschen zu leichtgläubigen Tätern werden können. Erich Krause konnte in seinem Keller-KZ Mord und Folter begehen, weil er überzeugt werden konnte, es waren alles Todfeinde, denen Gottes gerechte Strafe widerfuhr.
Von dem Massaker auf den Mountain Meadows 1857 bis zu dem Massaker 1968 im vietnamesischen Dorf My Lai, wobei zwei junge Mormonen-Rekruten auch auf unschuldige Menschen geschossen haben, bis hin zu den vier prominenten Mormonen — zwei im Anwaltsstand und zwei Psychologen — welche in den USA während des so-genannten “Krieges gegen den Terrorismus” das Foltern Kriegsgefangener gefordert hatten … auch diese Mormonen hätten von solchen Lektionen aus dem Dritten Reich Lebenswichtiges lernen sollen.
Sie hätten gelernt, man muß individuell richtige moralische Entscheidungen treffen und sich nicht täuschen lassen, aus welchem Grunde es eben sei: Patriotismus, Befehle von oben, Fremdenhaß, Mitläufer sein, die Illusion, Gottes gerechter Rächer an die Bösen zu sein, oder sonst was Ähnliches …
Das alles kann erkenntnistheoretisch/epistemologisch kurz zusammengefaßt werden: Wenn ein Mensch nicht lernen kann, ausschließlich aus glaubwürdigen Quellen Auskunft zu schöpfen, wenn er es nicht versteht, vernünftig alle Wahrheitsansprüche zu begutachten bzw zu prüfen und wenn er schlicht nicht zwischen Lüge und Wahrheit unterscheiden kann … der wird dann keine zuverlässige Information besitzen, die ihn führt, wenn er mit einem Irrgarten von Propagandalügen konfrontiert wird. Er wird blindlings eine sehr gefährliche Straße befahren müssen.
Helmuth Hübener war eben das Gegenteil von einem solchen Menschen: er hatte dank seinem zufälligen Zugriff auf die BBC eingesehen, daß die Propagandasendungen im Volksempfänger Lügen waren, und die Berichterstattung der BBC die Wahrheit, eben weil die Vorigen immer von glorreichen Siegen auf allen Fronten prahlten, wobei die deutsche Seite kaum Verluste erlitt, während die Letzteren von großen Verlusten auf beiden Seiten zu erzählen wußten … und auch viel detaillierter waren.
Natürlich war er intelligent genug, dieses einzusehen, noch wichtiger war aber, daß er die Wahrheit schätzte und liebte. Das hatte er, meines Erachtens — ohne es beweisen zu können — seinen Erfahrungen in der Kirche Jesu Christi zu danken.
Es war also immer mein innigster Wunsch, durch die Helmuth-Hübener-Story besonders meinen Mit-Gläubigern vorbeugend helfen zu können, sich gegen solche erkenntnistheoretischen Fehler zu wappnen. Als ich anfangs der 70er Jahre zuerst begann, den Hübener Fall eingehend zu betrachten, wütete der Krieg in Vietnam. Der Roman von Günter Grass, örtlich betäubt [klein geschrieben], aus dem ich zuerst etwas über Hübener erfahren hatte, und der sich gerade ausgerechnet mit dem Vietnamkrieg befaßte, war 1969 soeben erschienen.
Ich war schon damals überzeugt, dieser Krieg war auf lauter Lügen und Dummheiten basiert. Ich sah in Helmuth genau das, was Grass in ihm sah: ein Beispiel aus dem Dritten Reich, das für uns in Zeiten eines zweiten ungerechten Krieges ein Vorbild sein könnte.
Aber an der Brigham Young Universität, wohin ich als Student nach meiner Mission in Deutschland 1964 ging, lief eine ernsthafte Kampagne seitens des damaligen Universitätspräsidenten Ernest L. Wilkinson für den Krieg in Vietnam. Wilkinson, ein Rechtsradikaler, haßte jeden, der den Krieg in Frage stellte. Er war besonders sauer auf die Universität von Kalifornien in Berkeley, wo zu der Zeit einer der Hauptsitze des Widerstandes gegen den Krieg zu finden war. Die langhaarigen Hippies von damals konnte er nicht riechen. (Weshalb bis heute noch lange Haare bei Männern an der BYU verboten sind, denn Wilkinson hatte gerade damals das sogenannte Honor Code zu eben diesem Zweck verfaßt.)
Er organisierte sogar Gegendemonstrationen in Provo zu denen in Berkeley und predigte immer wieder vom heiligen Krieg, vom gerechten Krieg, vom Gott gewollten Krieg und davon, daß das Evangelium so nach Südostasien getragen werde, usw.
Als wir begannen, in Artikeln und Büchern wie auch in Reden, über den Fall Hübener zu berichten, fanden wir einen sehr positiven Anklang unter Amerikanern, die sich freuten, von jungen Hitlergegnern zu erfahren, die Mormonen waren. (In Deutschland dagegen, wie schon berichtet, waren es immer wieder ein paar meist ältere Mormonen, für welche der Fall schon damals problematisch war.)
Aber da der Vietnamkrieg mehr oder minder beendet war, hatte die Hübener-Story für die meisten in Amerika keine direkte Anwendung, denn man meinte damals, so etwas wie ein Hitler könne niemals in Amerika aufstehen. Sowas war schier unvorstellbar, trotzdem, daß in USA einige wichtige Bücher zu dem Thema erschienen waren, die das Gegenteil behaupten: It Can’t Happen Here [Es kann nicht hier passieren] von Sinclair Lewis 1935, wie auch The Plot Against America [Das Komplott gegen Amerika] von Phillip Roth 2004.
Erst als Barak Obama Präsident der USA wurde, gab es plötzlich Amerikaner, welche in der Hübener-Story einen brauchbaren Wert sahen: sie wollten junge Menschen aufmuntern, gegen diesen farbigen neuen Hitler aufzustehen und ihn zu denunzieren. Ich war, ehrlich gesagt, baff. An so etwas hätte ich nicht im Traum gedacht.
Ich erhielt aber eines Tages in meinem Büro einen Anruf aus der Zentrale der John Birch Society, einer rechtsextremen Organisation, welche seit den 50er Jahren in den USA großen politischen Unfug anstellt. Ich hatte sie sogar irrtümlicherweise für tot gehalten, denn nach dem Zerfall der Soviet-Union hörte man nichts mehr von solchen extremen Antikommunisten, obwohl sie früher in den Mormonenversammlungen in USA sehr viel Krach gemacht hatten. [Ezra Taft Benson war mit ihnen sehr involviert, was Kirchenpräsidenten David O. McKay veranlaßte, ihn nach Frankfurt zu verbannen, damit er mit US-Journalisten keine kontroversen Interviews mehr machen sollte.]
Nun wollten die Birchers von mir, der ich ja die Copyrights besitze —das Verlagsrecht bzw Urheberrecht — die Erlaubnis, in Büchern und Artikeln die Hübener-Story unter ihre jungen Mitglieder zu verbreiten, damit diese dann aufstehen wollten und gegen den bösen Hitler-ähnlichen Obama kämpfen sollten. Ich hatte sie natürlich schroff abgewiesen und sie sogar mit einem Prozeß gedroht, sollten sie trotzdem meine Materialien verwenden.
Später hörte ich auch von einer kleinen Gruppe in St. George, im Süden von Utah, welche ähnliche Ansichten zu Hitler, Obama und Hübener hielt.
Ein viel größerer Schock für mich war es dann, als man 2015 davon begann, über einen Mann namens Donald Trump zu reden, der sich als Kandidat für die Nominierung der republikanischen Partei in der kommenden Präsidentenwahl im November 2016 erklärt hatte.
Viele glaubten,“The Donald” sei ein großer schwerreicher Geschäftsmann und TV-Star. Die Besserinformierten wußten die Wahrheit über Donald Trump, nämlich daß er ein Scharlatan, ein Psychopath, ein Clown, ein Blödmann, ein Schwindler, ein Wüstling, ein Protz, ein Lügner, ein Vollidiot, ein Steuerhinterzieher ist … ich schmeichle noch immer … und glaubten, daß er somit überhaupt keine Chance hätte. Immerhin lief es manchen von uns eiskalt über den Rücken, daß so ein Typ überhaupt in Frage käme, daß er nicht sofort von ernsthaften Beratungen auf solcher Ebene ausgeschlossen werden würde.
Aber dadurch, daß er gerade so schamlos den großen Mann markierte, daß er seine Rivalen mit Schmäh und Beleidigungen ordinärster Art zu Schweigen bringen konnte — er hatte einmal auf der Bühne vor laufenden Fernsehkameras geprahlt, sein Penis sei nicht gerade klein — bald kam es, daß die Menschen in Amerika mit viel Wut im Bauch, mit wenigen Aussichten auf Erfolg nachdem ihre Jobs verglobalisiert wurden, die ganzen Loser, Neonazis, weiße Suprematisten, Rassisten, Mitglieder des Ku Klux Klans … und und und … auf einmal begonnen, auf ihn aufmerksam zu werden und in ihm ihren Befürworter zu sehen.
Dieser neue Rattenfänger wußte, von cleveren und arglistigen Beratern umgeben, alle Hebel in Bewegung zu setzen, alle Register zu ziehen, welche bei Primitivlingen jeglicher Sorte ankamen. Dazu kam, daß die Fox News und bald andere Informationsquellen sich sofort prostituierten und rund um die Uhr pro-Trump Lügen und Propaganda verbreitet haben. Auch spielte Vladimir Putin eine bedeutende Rolle, denn er nutzte die sozialen Medien aus, um seiner Erbfeindin, der Hillary Clinton, Trumps Gegenkandidatin in der End-Wahl, zu schaden.
Es entstand also ein Teufelskreis, ein Circulus vitiosus, besser: ein teuflischer Paradox: je widerlicher und ekelhafter Trump sich gebärdete, bzw je mehr von seinen asozialen Manieren bekannt wurden — wie zum Beispiel als eine Tonaufnahme veröffentlicht wurde, 2005 entstanden, auf der Trump vulgär-ordinär sich damit brüstete, er dürfe als Fernseh-Star Frauen einfach zwischen die Beine grabschen, an die Fotze [pussy] wie er sagte — hatten die meisten normalen Menschen gemeint, das ist der Todesstoß für seine Kandidatur.
Aber ausgerechnet seine treuen Wutbürger wurden durch all das noch begeisterter von ihm: diese Chaoten sahen in ihm einen Champion, einen Vorkämpfer, der ihnen alle verhaßten Gesellschaftsnormen in die Luft sprengen würde.
Dazu kamen dann leider normalere Menschen, wie ein Nachbar von mir, HLT-Mitglied und Professor der Physik, also nicht gerade auf den Kopf gefallen, der mir 2016 sagte: “Ich wähle Trump, weil er hohe Richter für den Obersten Gerichtshof [Supreme Court] ernennen wird, die die legale Abtreibung abschaffen werden. Mir ist egal, was für ein Scheißkerl er sonst ist … mir darf das alles Wurst bleiben.” (Neuerdings bereut er das und verabscheut Trump.)
Das ist natürlich ein ganz klarer Fall von einem gläubigen und intelligenten Menschen, aber auch von einem sogenannten Ein-Thema-Wähler, dem die Abtreibung so verhaßt ist, daß er total die Perspektive verliert und so das Böse fördert.
Nichtsdestotrotz konnte ich es kaum glauben, als in meiner Nachbarschaft 2016 (und 2020 noch mehr) überall Trump-Flaggen aus dem Boden schossen. Es schien eine Art Massenpsychose zu herrschen. Eine Umfrage der renommierten Gallup-Firma berichtete, 61% der amerikanischen Mormonen standen 2017 zu Donald Trump.
(2016 wählten 45% der Bürger des Bundesstaates Utah für Trump — wobei zu bedenken ist, daß nur 62% davon Mormonen sind. 2020 waren es mehr Wähler für Trump — 58,13% — weil 2016 damals ein mutiger HLT Kandidat namens Evan McMullin gegen Trump kandidierte aber dann 2020 nicht mehr dabei war.)
Wer sich unter Mormonen gegen Trump äußerte, wie z.B. Mitt Romney, wurde sofort verschmäht, trotzdem, daß Romney zweimal selber republikanischer Präsidentenkandidat war, von fast allen Mormonen verehrt. (2012 stimmten 72,62% der Utah-Wähler für Romney, 24,69% für Obama. 2008 waren es sogar 90% für Romney.) Trotzdem wurde nun der Haß auf Romney auch unter Mormonen wirklich laut.
Je kopfstehender die Verhältnisse wurden, je gefährlicher handelte Trump. Weil er z.B. Angst hatte, die Wahl 2020 zu verlieren, witterte er gegen jeden Versuch, das Corona-Virus als Gefahr einzustufen. Bislang starben mehr als eine Million Amerikaner an der Pandemie, darunter schätzungsweise 330 000, ein Drittel von der Million Opfer, weil sie auf Trump geschworen und die Impfung wie auch den Gebrauch von Masken verschmähten.
Als dann die Wahl 2020 näher kam, versuchte Trump seiner bevorstehenden Niederlage vorzubeugen, indem er immer wieder betonte, wenn er verlieren sollte, kann das nur passiert sein, wenn es massenhaft Wahlbetrug gegeben hätte.
Diese Ente hatte er schon nach der ersten Wahl in Umlauf gebracht, weil es ihn wurmte, damals 2016 nicht die absolute Mehrheit gewonnen zu haben. (Eine in USA sehr problematische Tradition aus der Zeit der Gründung der Republik ist das rätselhafte Wahlmänner-College-System. Kurz erklärt: Jeder Bundesstaat schickt Wahlmänner, die jedoch in den meisten Staaten nur die Mehrzahl der Wähler in ihrem Bundesstaat vertreten. Utah schickte z.B. alle sechs Wahlmänner für Trump, trotzdem, daß 2016 55% gegen Trump stimmten. 2020 waren es 42%. Dieser eingebaute systematische Fehler führte dazu, daß im Jahre 2000 mehr Menschen für Al Gore als für George W. Bush stimmten, und 2016 viel mehr für Hillary Clinton als für Trump).
Trump hatte also schon 2016 von massivem Wahlbetrug lang und laut gebrüllt, weil er die absolute Mehrheit verfehlt hatte. 2020 wurde dies ihm dann zur “Großen Lüge” welche er überall und immer lauter verkündete. Am 6. Januar 2021 dann, der im Gesetz vorgeschriebene Tag an dem die Wahlmänner ihre Stimmen einreichen und im amerikanischen Kongreß vom Senat und Repräsentantenhaus bestätigt werden sollten, schickte Trump seine wütende Horde ins Kapitolgebäude, um diesen Vorgang zu verhindern. Die Meute wollte sogar den Vizepräsidenten, Mike Pence, aufknüpfen, weil er es war, laut dem Gesetz, der die Verifizierung kundgeben sollte.
Trumps versuchter Staatsstreich hatte mannigfaltige Ränke: im Bundesstaat Georgia versuchte er, die Wahlbeauftragten zu erpressen. In anderen Bundesstaaten erstürmten seine Verehrer die Wahllokale und wollten die Wahlautomaten beschlagnahmen, weil Trump geglaubt hatte, die Maschinen seien durch italienische Satelliten beeinflußt und hätten viele Trump-Stimmen in Biden-Stimmen umgewandelt. (siehe: “Italygate”. Laut der Washington Post war Italygate “die verrückteste Wahlbetrugverschwörung” die von Trump und seinen Komplizen vertreten wurde, was zeigt “genau wie desperat, wie händeringend verzweifelt … Trump und sein Team waren, an etwas — egal was! — Hand anzulegen, was Zweifel auf seine Wahlniederlage aufkommen läßt.”)
[Nota bene! Einlage [ ...] vom 25. November 2024: Folgende Worte schrieb ich damals in der englischen Version dieses Aufsatzes: “Diese zahllosen Schikanen und Ausschreitungen werden nun sehr langsam, Gottesmühlen gleich, im Justizsystem und im Ausschuß des Kongresses erarbeitet. Je mehr Trump von dem umfangreichen Netz seiner zahllosen Ausschreitungen, Sünden, Delikten und kriminellen Schuldsprüchen umgarnt wird, desto lauter und verzweifelter er wild um sich schlägt.”]
[Heute finde ich es schmerzhaft und zutiefst ironisch, daß selbst ich, der Autor eines Aufsatzes, in dem Donald Trump eine der größten Gefahren in der gesamten Geschichte für Amerika und die gesamte zivilisierte Welt dargestellt wird, nicht einmal das Ausmaß in vollem Umfang ergründen konnte, in wieweit Trump die politische, juristische und Wahlatmosphäre in den USA offenbar bereits tödlich vergiftet hatte. Nicht falsch waren allerdings meine Schlußworte damals: “Die Zukunft der amerikanischen Demokratie steht auf Messers Schneide. Die Zeit allein wird zeigen, wohin das alles führen wird.”]
[Ein wichtiges neues Beispiel von dieser Vergiftung ist, daß in einem unerhörten Urteil des Obersten Gerichtshofs der USA am 1. Juli 2024 die drei von Trump ernannten Richter – Neal Gorsuch, Brett Kavanagh und Amy Coney Barrett – zusammen mit drei anderen konservativen Richtern – Oberster Richter John Roberts, Clarence Thomas (dessen Ehefrau bei dem Versuch, die Wahl im Jahre 2020 umzustürzen öffentlich mitgemacht hat) und Samuel Alito (vor dessen beiden Häusern aufständische Fahnen gehißt wurden) – die Mehrheit von 6:3 ausmachten. Das Gericht entschied, daß Trump im Grunde immun gegen jegliche Strafverfolgung ist, auch wenn er z.B. 2020 die Wahl hat stehlen wollen bzw. geheime Staatsakten entwendet hatte.]
[In ihrer abweichenden Meinung warnte Sonia Sotomayor, daß diese Entscheidung zukünftigen Präsidenten Tür und Tor öffnen würde, “ein König über dem Gesetz hinweg” zu sein.]
[Heute, am 25. November 2024, wurden dann die ganzen Anklagen gegen Trump storniert, denn Trump gewann die Wahl und wie im US-Justizsystem üblich, kann kein amtierender Präsident strafrechtlich verfolgt werden.]
[Wir werden also wohl am eigenen Leibe erfahren, was ein 34-Fach Verurteilter Trump in seiner zweiten Amtszeit für Unfug anstellt. Eines steht fest: es kann sehr gefährlich werden! Was ich früher schrieb, bleibt noch aktuell. “Der Schoß, aus dem das Kroch, ist fruchtbar noch” (Bertold Brecht nach dem Sieg über Hitler).]
Ich habe aber damals doch am Ende gemeint: trotz ihrer gravierenden Realität, beschäftigt mich mehr als die zahllosen Verbrechen von Donald Trump, bzw. Adolf Hitler, vor allen Dingen besonders diese eine Frage: wie können Menschen – besonders gottgläubige Menschen – einem Donald Trump bzw. einem Adolf Hitler beistehen und sie befürworten? (Ca 80% der weißen Evangelisten der USA sollen Trump-Wähler sein.) Und dann ganz spezifisch: wie können Mormonen heute einen Mann wie Trump unterstützen? (Ca. 63% der US-Mormonen sollen 2024 für Trump gestimmt haben.)
Und hier schließt sich der Teufelskreis: wie konnten Mormonen damals Hitler unterstützen? (Und wie kommt es, daß es diesmal scheint, viel mehr Mormonen unterstützen Trump als damals Hitler?) An der Kirchenleitung kann es ja nicht liegen, denn, es sei denn, man ist blind und taub, die leitenden Personen der Kirche zeigen sich alle sehr besorgt mit dem Lauf der Dinge.
Bis ein neues Buch mit dem etwaigen Titel erscheint: Moroni and the MAGA-Hat [Moroni und die MakeAmericaGreatAgain = MAGA Kappe], worin vielleicht detailliert beschildert werden kann, was hier vorging, kann ich nur ein paar Grundsätze wiederholen und Vergleiche ziehen:
Hier wie dort gab und gibt es einen aktiven Kampf gegen die Wahrheit. Dort: Propagandaministerium, Rundfunkgesetz vom 1.09.1939, überall Volksempfänger. (Das Problem damals: nicht genug verläßliche Nachrichtenquellen.) Hier: (Zu viele Quellen), unter anderem Fox News, Breitbart News, Infowars, Glenn Beck (ein rechtsextremer Mormonen-Propagandist), Tucker Carlson, Rush Limbaugh, Bill O’Reilly, Sean Hannity und viele mehr, alles sehr gefährliche schamlose Lügner.
Dazu kommt das Internet. Vladimir Putin konnte sehr leicht und mit viel Erfolg von seinen “Troll Farms” in St Petersburg aus Desinformationen in amerikanische Hirne pumpen.
Es entstanden dank der Algorithmen bzw Rechenregel des Internets sogenannte Rabbit Holes, zu deutsch Kaninchenbaue, in die Menschen verleitet werden, sooft sie etwas bestimmtes suchen. Der Computer steuert sie dann immer weiter in dieselbe Richtung, in der es dann am Ende nur Lügen und Verschwörungen gibt, worauf jeder Normalverbraucher den Eindruck enthält, hier glaubt die ganze Welt genau wie ich! Die Blinden werden also ganz systematisch nur von anderen Blinden geführt.
Hier wie dort werden die Angst und der Haß geschürt: Die Andersdenkenden sind nicht nur schlecht informiert, sie werden über Nacht zu Todfeinden, welche unser Land aktiv zerstören wollen, uns unsere Freiheit berauben wollen! Natürlich stecken sie mit anderen dunklen Mächten unter einem Leder, immer wieder Juden, damals die Rothschilds, heute George Soros oder Kommunisten, denn Demokraten werden mit Sozialisten und Kommunisten gleichgestellt.
Verschwörungstheorien haben freien Lauf: dort Protokolle der Weisen von Zion (auch heute noch im Umlauf), hier: Q-Anon, eine Verschwörungsballung der extremsten Sorte. Bei Q-Anon begegnet man solchen Behauptung wie: Hillary Clinton und George Soros und Nancy Pelosi entführen systematisch Kinder, töten sie und trinken ihr Blut. Andere Kinder machten sie weltweit zu Sex-Sklaven.
Oder: shape-shifting alien space lizards [so etwas wie: Gestalt wechselnde Weltraumeidechse] hätten die Erde heimlich unter ihrer Kontrolle. Donald Trump sei von Gott gesandt worden, um sie auszuschnüffeln und zu überwinden.
Juden wie George Soros und die Bankerfamilie Rothschild sollten aus dem Weltraum mit Laserstrahlen [Jewish space lasers] Waldbrände gestiftet haben, hat ein Mitglied des US-Kongresses, Marjorie Taylor-Green, behauptet, denn danach können sie ganz billig die verbrannten Grundstücke aufkaufen.
In den letzten paar Tagen (ich schreibe dies am 20.09.2022) wird berichtet, Trump rede neuerdings immer offener von Q-Anon, trage einen Q-Knopf im Revers und das Q-Anon-Lied wurde auf seiner Rally in Ohio gespielt, wobei die Zuschauer dann auf mysteriöser Weise mit dem Finger in den Himmel zeigten.
Am Besten, wir passen nun gut auf und harren der interessanten Dinge, welche bestimmt kommen werden … Eine Zwischensumme ließe sich aber an dieser Stelle vielleicht wagen:
Wir haben bisher gesehen, daß sich viele Ereignisse in Trumps Amerika vielen Ereignissen in Hitlers Deutschland ähneln.
Gläubige Menschen in beiden Ländern und Epochen waren bzw. sind nicht automatisch gegen die Anziehungskraft solch gefährlicher Rattenfänger gefeit. Im Gegenteil: die Trennlinie zwischen gläubig und leichtgläubig kann hauchdünn sein und Glauben kann sogar auf perverser Weise das Böse fördern.
Mein Nachbar wollte z.B. Trump wählen, weil er gegen die Abtreibung ist. Andere, weil sie homophob sind. Noch andere, weil sie überzeugt sind, Gott habe einen starken Führer ins Land geschickt, um es vor unsichtbaren teuflischen Feinden zu beschützen, besonders vor diesen exotischen, nicht christlichen Juden (schon wieder!), jenen sehr verdächtigen Muslimen oder dunkelhäutigen Emigranten irgendwelcher Art, die anders sind als “wir”.
Angst und der daraus resultierende Haß scheinen die ersten Voraussetzungen zu sein.
Ein zweites Kriterium ist eine gewisse Unfähigkeit, Wahrheitsansprüche prüfen zu können. Das kann an einer fehlenden oder fehlerhaften Ausbildung liegen — was mich als Lehrer besonders grämt, wenn ich bedenke, daß das ganze Schulsystem in Bezug auf Erkenntnistheorie kolossal versagt hat — aber es kann auch daran liegen, daß ab einem gewissen Punkt an Fanatismus, Menschen völlig immun werden können gegen Argumente von gegnerischer Seite: sie besitzen dann eine Art selbstheilende Überzeugung, gegen jeden Einstich geschützt, weil man von vornherein schon weiß: wer mich von meinem politischen Glauben abbringen will, ist ein Lügner und gehört zu meinen Feinden.
Ich spüre das am eigenen Leibe: meine beiden jüngeren Brüder gehören zu dieser Sorte und setzen auf Trump und ihr Sturmgewehr, dem kommenden Endzeitkampf entgegensehend. (Apropos Sturmgewehr: vor nicht zu langer Zeit platze es aus einem Bruder in unserer Sonntagsschulklasse heraus: er müsse bald sein Sturmgewehr hervorholen und “es dem Kapitän Moroni [einem Helden aus dem Buch Mormon] an den Staats- und Verfassungsfeinden, den Demokraten, nachmachen.”)
Dazu kommt, daß man auch dazu neigt, Information nur aus Quellen zu entnehmen, welche auf “unserer” Seite sind. Da steigt man sehr leicht in Kaninchenbaulöcher, wo es sogar einen finanziellen Anreiz für die Webseiten gibt, immer mehr Klicks herbeizulocken.
Ich hatte vor etwa 40 Jahren die Hoffnung, die Helmuth-Hübener-Story würde den Mormonen sehr gute Lehren erteilen können. Vietnam lag damals in meinen Gedanken am Nächsten. Aber ich konnte kaum ahnen, daß jetzt Leute in meinem Land, darunter nicht wenige von meinen eigenen Glaubensbrüdern und -schwestern, sich für ein so ekelhaftes Scheusal wie Donald Trump und für seine gefährlichen Lügen einsetzen könnten!
Aber gerade die Lektionen aus dem Dritten Reich von damals helfen mir, mich heute vor der Verzweiflung zurückzuhalten. Ich sah im Falle Drittes Reich also kristallklar ein, daß nicht alle auf der richtigen Seite der Geschichte landen. Ich sah auch ein, daß diejenigen, welche damals auf der falschen Seite landeten, in keiner Hinsicht die Lehren des Evangeliums Jesu Christi internalisiert hatten: da ist von Nächstenliebe und Wahrheit suchen keine Spur gewesen. Ihre Namen dürfen wohl auf den Mitgliederlisten gestanden haben, aber sie waren noch lange nicht — noch nicht! — Jünger Christ, Heilige der letzen Tage.
In gleicher Weise sehe ich heute meine umnachteten Nachbarn an: “Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!” Später werden sie vielleicht einsehen, mit Erich Krause von damals, daß sie einem falschen Meister gedient hatten. Dann können sie — genau wie er — von ihrem Erlöser Hoffnung erwarten.
Spätestens dann werden sie endlich aus der Geschichte etwas sehr Wichtiges gelernt haben, um so dann Imstande zu sein, auf der richtigen Seite zu bleiben.
Am Besten drückt vielleicht meine Meinung zu alldem folgendes aus: Über unserer Haustür steht ein Spruch eingegraben. Er stammt aus meiner Lieblingsoper, Mozarts Zauberflöte. Ganz am Ende der Oper, wenn die mörderischen Kräfte der Dunkelheit und der Lüge durch das plötzliche Hervorbrechen des Lichts der Wahrheit besiegt werden, singt Sarastro, der Hohepriester, folgende bedeutungsschwere Worte:
“Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht! Zernichten der Heuchler erschlichene Macht.”
Genau das wird sich damals Helmuth Hübener erhofft haben. Und wir sollten alle seine Hoffnung weiterleben lassen, indem wir mutig weiterhin Licht und Wahrheit verbreiten lassen, die Nacht zu vertreiben und die erschlichene Macht der Heuchler zu zernichten, wer immer, wann immer und wo immer wir auch sind.
(Alan Keele, z.Zt. in Wien, im September 2022)